Warum dieses Mädchen mit 14 Jahren dafür kämpfte, sich scheiden zu lassen

Sonali Khatun war gerade 14 Jahre alt, als ihre Eltern ihr sagten, dass sie heiraten würde. Sie brach die Schule ab. Innerhalb von nur 14 Tagen wurde ihre Hochzeit arrangiert.

„Sie wollte nicht [heiraten], aber wir haben sie dazu gezwungen, weil die Leute in den Dörfern anfangen zu reden, wenn eine Jugendliche nicht verheiratet ist“, sagte Khatuns Mutter Matiura Bibi dem Interessenverband American Jewish World Service. „Nach der Hochzeit erkannten wir, dass der Junge kein freundlicher Mensch war. Er war Sonali gegenüber misstrauisch. Er begann, sie zu kontrollieren und mit ihr zu streiten. Ich habe eingesehen, dass diese Ehe nicht von Bestand sein würde.“

Nach nur einer Woche kämpfte Sonali also für die Scheidung. Und obwohl sie von ihren Eltern unterstützt wurde, war das Thema Scheidung in ihrer Gemeinde Birbhum in Westbengalen, Indien, gänzlich unbekannt.

„Nach der Scheidung bin ich immer zu Hause geblieben. Ich war deprimiert. Immer wenn ich arbeitete, haben mich die anderen Mädchen aus dem Dorf verspottet und gesagt, ‚Sie ist geschieden. Sie muss einen Liebhaber haben und deshalb hat sie ihren Ehemann verlassen.‘ Solche gemeinen Dinge haben sie mir an den Kopf geworfen“, sagte Sonali.
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Photo: Courtesy of Jonathan Torgovnik for American Jewish World Service.
Sonali Khatun war gerade 14 Jahre alt, als ihre Eltern ihr sagten, dass sie heiraten würde. Sie brach die Schule ab; ihre Hochzeit wurde in nur 14 Tagen arrangiert.
Nachdem sie die Schule verlassen hatte, war es schwierig für sie, herauszufinden, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Nach Aussage von Javid Syed, dem Leiter der Abteilung für sexuelle Gesundheit und Rechte des American Jewish World Service, liegt das durchschnittliche Alter, in dem Mädchen verheiratet werden, in Indien bei 17,2 Jahren.

„In Indien heiraten ca. 58 % der Mädchen vor ihrem 18. Lebensjahr, was in Anbetracht von Indiens großer Bevölkerung eine große Zahl ist“, sagte Syed. „Indien allein ist für 33 % der Mädchen weltweit verantwortlich, die vor dem Alter von 18 Jahren verheiratet werden.

In ländlichen Gemeinden und dort, wo mehr Verunsicherung herrscht, sei es durch Armut oder eine andere Art von Risiken, beobachten wir, dass Familien, sobald sie Zugang zu Ressourcen haben, dazu neigen, ihre Kinder früh zu verheiraten.

Die Hochzeit gibt ihnen, was sie sich für ihre Mädchen wünschen, ganz gleich, ob es um die finanzielle oder um die körperliche Sicherheit geht. Aber weil die Gesellschaft Mädchen auch als Last betrachtet bzw. etwas, das kontrolliert werden muss, bilden diese Strukturen auch den Kern von frühen Hochzeiten und Kinderehen in vielen Teilen Indiens.“

Sonali sehnte sich danach, zurück zur Schule zu gehen, aber sie wusste nicht wie. Dann hat sie Ayesha Khatun getroffen, die Gründerin der Mohammad Bazar Backward Classes Development Society.

SIE WOLLTE NICHT [HEIRATEN], ABER WIR HABEN SIE GEZWUNGEN, WEIL DIE LEUTE IN DEN DÖRFERN ANFANGEN ZU REDEN, WENN EINE JUGENDLICHE NICHT VERHEIRATET IST.

MATIURA BIBI, SONALIS MUTTER
Ayesha hat die Organisation gegründet, um Mädchen in der Schule zu halten. Die Gruppe stellt alles bereit, Fahrräder, Uniformen und Schulgeld.

„Geschlechterdiskriminierung ist hier sehr häufig. Frauen erhalten weniger Essen und weniger Bildung. Eine Frau hat nicht das Recht, frei zu sprechen, zu reisen oder sich zu amüsieren“, sagte Ayesha. „[Aber] Frauen können alles tun. Das Leben einer Frau ist nicht nur für Hausarbeit und das Aufziehen von Kindern da, sondern für so viel mehr.“

Nach fünf Jahren sagt Sonali nun, dass sie wieder zur Schule gehe und mit anderen Mädchen aus ihrer Gemeinde arbeite.

„Ich würde nicht wollen, dass sich meine Situation, mit 14 Jahren verheiratet zu werden, wiederholt“, sagte Sonali. „Ich möchte, dass die anderen Mädchen lernen und Fortschritte machen. Danach können sie immer noch heiraten.“

Laut Syed ist das Beenden der Praxis von frühen Hochzeiten und Kinderehen ein komplexes Themenfeld.

„Tatsächlich geht es um vier Punkte — Befähigung, damit die Mädchen ein anderes Denken erlernen; Zugang zu Ressourcen und Institutionen, die für Mädchen unterstützende Umfelder bieten; die Verfügbarkeit dieser Räume sowie den Anspruch, andere Optionen für Mädchen zu finden als Heirat“, so Syed.
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Photo: Courtesy of Jonathan Torgovnik for American Jewish World Service.
Fünf Jahre nach ihrer Scheidung sagte Sonali, dass sie wieder zur Schule gehe und mit anderen Mädchen aus ihrer Gemeinde arbeite.
Syed sagte, dass es sich bei der Verheiratung von Kindern nicht ausschließlich um ein Armutsproblem handele, da auch relativ wohlhabende Gemeinden diese praktizieren.

„Beim Kampf gegen Kinderehen geht es nicht darum, das Problem der Armut oder kulturelle Traditionen zu verändern“, sagte Syed. „Viele Eltern motiviert der Gedanke, sexuelle Belästigungen zu vermeiden und Zugang zu Sicherheit und eine Existenzgrundlage zu bieten — Eltern wissen nicht, wie sie diese sehr realen Probleme lösen sollen, und eine Heirat ist eine der sehr realen Möglichkeiten, die die Gesellschaft ihnen bietet. Indem man die Ansprüche der Mädchen und der Gemeinde verändert, wird die Verheiratung nicht länger als die einzige Lösung dieser Probleme angesehen.“

Sonali hat dabei geholfen, den Mädchen in ihrer Gemeinde zu zeigen, dass es eine Zukunft über eine frühe Hochzeit hinaus gibt, genauso wie ein Leben nach der Scheidung.

„Meine Scheidung liegt jetzt fünf Jahre zurück. Niemand verspottet mich mehr. Jetzt, wo ich arbeite, beeinträchtigen mich diese Dinge nicht mehr. Ich kann jetzt alles tun und überall arbeiten.“
Photo: Courtesy of Jonathan Torgovnik for American Jewish World Service.
Sonali Khatun geht wieder zur Schule, fünf Jahre nachdem sie im Alter von 14 Jahren darauf gedrängt hatte, sich scheiden zu lassen.
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