Man liebt Kinder nicht automatisch, nur weil es die eigenen sind

Foto: Ashley Armitage
Wenn du heiratest, geschieht etwas Außergewöhnliches. Ich rede nicht nur von den Veränderungen zwischen dir und der anderen Person oder von denen, die du selbst durchlebst. Ich rede von der neuen Art und Weise wie dich andere auf einmal wahrnehmen, sobald du einen Ehering trägst. Von heute auf morgen behandeln sie dich wie eine*n Erwachsene*n und nicht mehr wie ein Kind – obwohl du schon seit Jahren eine stabile Beziehung führst und das häusliche Glück genießt. Plötzlich kommen immer häufiger ernstere Themen auf wie: „Habt ihr eine Lebensversicherung abgeschlossen?” oder „Habt ihr Pläne, eine gemeinsame Wohnung zu kaufen?“ Und mein persönlicher Favorit: „Na, wer hat bei euch die Hosen an?“
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Die letzte Frage soll natürlich meistens ein Witz sein, aber ich beantworte sie trotzdem immer mit ernster Miene: „Normalerweise tragen wir beide Hosen“. Das meine ich zum einen buchstäblich, zum anderen ist es aber auch lustig – oder zumindest ist es lustiger als sich endlose Tiraden anhören zu müssen über die egalitäre Beziehung, die ich mit meinem Ehemann führe und über die feministischen Ansichten, die wir von Anfang an teilten. 
Doch es gibt noch eine andere Frage, die mir seit ich verheiratet bin gestellt wird und die alle anderen in den Schatten stellt – sowohl was die Häufigkeit angeht als auch ihren Effekt. Die Frage, vor der es mir am meisten graut lautet: „Und wie sieht es mit Nachwuchs bei euch beiden aus?“ Nie, denke ich. Aber genau wie bei der Hosenfrage spreche ich das, was mir eigentlich durch den Kopf geht nicht aus, der freundlichen Unterhaltung zuliebe.
Immer mehr Menschen in meinem Alter entscheiden sich dafür, später oder nie Kinder zu haben. Meist begründen sie das mit finanzieller Unsicherheit und der ungewissen Zukunft. Manche sagen auch, es wäre schwer, ein Kind in der heutigen Zeit großzuziehen – mit all den Bedrohungen, die hinter jeder Ecke lauern, wie dem Klimawandel oder der politischen Situation. Und dann gibt es da noch das veraltete Klischee, alle Feminist*innen würden Kinder hassen und keine Familie wollen. Ich bin selbst eine Feministin und ich will keine Kinder. Aber nicht, weil ich damit etwas beweisen will oder weil ich politische Beweggründe habe. Meine Gründe sind sehr viel persönlicher.
Um ganz ehrlich zu sein: Ich mag Kinder nicht. Ich hasse sie nicht, aber ich fühle mich einfach nicht wohl, wenn sie in meiner Nähe sind. Ich weiß nicht, wie ich mit ihnen reden soll. Sie nerven mich irgendwie. Eltern sagen liebend gern immer: „Ach das ist doch was ganz Anderes, wenn es deine eigenen sind! Deine eigenen wirst du lieben“. Als ob sich die Frustration, die Unbeholfenheit und das peinliche Gefühl einfach in Luft auflösen würden – und das alles wegen der Magie der Hormone, der DNA und des Bluts. Auch wenn das bei einigen Menschen sicher wirklich so ist, gibt es eine dunkle Wahrheit, die nur selten ausgesprochen wird: Bei manchen Menschen ist es eben nicht wie von Zauberhand anders, wenn es die eigenen sind. Es gibt Eltern, die ihre Kinder nicht lieben. Das weiß ich so sicher, wie ich weiß, dass es in Florida im Sommer jeden Tag um 15 Uhr anfängt zu regnen und um 15:30 Uhr wieder aufhört. Ich habe es selbst erlebt.
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Als ich klein war, war mein Papa mein Ein und Alles. Er konnte nichts falsch machen. Als die Polizei mitten in der Nacht bei uns klingelte und ihn wegen häuslicher Gewalt festnahm, war ich mir sicher, es war nicht seine Schuld. Als er bis 13 Uhr schlief und ich den ganzen Vormittag allein und ohne Essen war, weil er am Vorabend zu viel gesoffen hatte, war ich verständnisvoll. Er war einfach nur müde. Erst als ich etwa 11 Jahre alt war, begann ich, ihn nicht mehr auf ein Podest zu stellen und zu realisieren, was wirklich vor sich ging.
Zu dem Zeitpunkt waren meine Eltern seit fast einem Jahrzehnt geschieden und seit einem Jahr lebte mein Vater drei Stunden entfernt von mir. Es war sehr schmerzhaft für mich, weil wir uns nur in unregelmäßigen Abständen sahen – aller zwei oder drei Wochen. Ich flehte ihn an, sich einen Job zu suchen, der in meiner Nähe ist, aber er hatte immer irgendeine Ausrede. Selbst zu diesem Zeitpunkt war ich noch sehr nachsichtig mit ihm. Schließlich ging es hier um Erwachsenendinge. Es war einfach nicht machbar und er konnte nichts dafür.
Irgendwann lernte er dann eine Frau kennen und innerhalb weniger Monate heirateten die beiden. Zusammen zogen sie in ein Haus, das ca. 20 Minuten von mir entfernt war. Sie war extrem nett und ich kam sehr gut mit ihr und ihren beiden Kindern klar. Trotzdem war ich gekränkt. War ich einen Umzug nicht wert gewesen? Hatte mein Vater wirklich alles für eine fast fremde Person aufgegeben, statt für mich? Und warum sahen wir und jetzt nicht öfter, wo er doch ganz in meiner Nähe wohnte? Warum aßen wir nicht gemeinsam jeden Mittwoch Abendessen? Warum gingen wir sonntagnachmittags nicht zusammen in den Park? So langsam aber sicher verabschiedete sich meine Naivität.
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Und dann kam dieser eine Samstag, der allem die Krone aufsetzte. Es war ein super heißer, schwüler Tag in Florida als er mich einfach so vergaß. Ich war 12 Jahre alt und hatte für ein Treffen mit meinem Vater eine Geburtstagsparty abgesagt, die eine Limo-Fahrt (!) zum Kino beinhaltete. Der Plan war, dass er mich morgens Zuhause abholt. Ich bin also extrafrüh aufgestanden und habe meinen kleinen pinken Koffer gepackt, den ich immer benutzte, wenn ich bei meinem Vater schlief. Ich war super aufgeregt und stellte mich überpünktlich schon mal vor die Tür, um auf ihn zu warten. Ich dachte, er würde sicher gleich kommen und würde sich freuen, wenn ich schon komplett fertig und abfahrbereit wäre. Ich wartete. Und wartete. Die Sonne stieg langsam höher und es wurde immer heißer. Ich hatte Durst. Ich weiß nicht genau, wie lange ich auf der Treppe saß und auf ihn wartete, aber es schien mir wie eine Ewigkeit. Ich rief ihn an. Keine Antwort. Irgendwann wurde es wieder dunkel. Ich hatte den Großteil des Tages geweint. Und auf seinen Anruf gewartet, doch der kam nie. Gegen Abend rief ich ihn dann noch mal an. Er ging ran, klang komplett kaputt und leicht genervt. Am Vorabend hatte er einen Unfall mit seinem Auto gehabt, weshalb er den ganzen Samstag damit verbrachte hatte, es zu reparieren. Es tat ihm leid. Es war keine Absicht. Er bat mich um Verzeihung. Ich antwortete nicht.

Seine Worte sorgten dafür, dass ich mich ungeliebt, unerwünscht fühlte; als würde ich ihm zur Last fallen.

Ein paar Monate später hatten wir einen Streit. Es war Vatertag und ich hatte vergessen, ihm beim Einkäufe reintragen zu helfen. Er nannte mich das faulste kleine Mädchen der Welt. Da rastete ich komplett aus. Ich sagte zu ihm, er könne so nicht mit mir reden. Ich war ihm gegenüber noch nie laut geworden, aber jetzt schrie ich ihm direkt ins Gesicht. Damals war ich fast 13 Jahre alt und hatte ihm noch immer nicht wirklich verziehen, dass er mich an jenem Samstag sitzengelassen hat. Ich erinnerte mich an all die anderen Situationen und Events, bei denen ich nicht auf ihn zählen konnte – mit etwas Abstand betrachtet wirkte es so, als wäre ich ihm egal. Er meinte, ich würde mich wie ein Kind verhalten. Er sagte, ich wäre undankbar und noch ein paar andere wirklich gemeine Sachen. Seine Worte sorgten dafür, dass ich mich ungeliebt, unerwünscht fühlte; als würde ich ihm zur Last fallen. Gleichzeitig dachte ich aber auch, ich hätte die Erwartungen, die man an eine gute Tochter hat, nicht erfüllt. Ich beendete den Wochenendbesuch frühzeitig und lies mich von meiner Mutter abholen. Er brachte mich noch nicht mal vor zur Straße. Er stand einfach nur da und brüllte mir hinterher: „Beweg sofort deinen Arsch hier her zurück!“, während ich mit meinem pinken Koffer in der Hitze Floridas weglief.
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Vier Wochen später fragte ich meine Mutter, ob er angerufen und nach mir gefragt hatte. Ich wusste einfach, irgendwann würde er sich überwinden, sich bei mir entschuldigen und zugeben, einen Fehler gemacht zu haben. Doch ich wartete vergebens auf seinen Anruf. Das brach meiner Mutter und meinen Stiefvater das Herz. Ich weinte mich jeden Abend in den Schlaf. Ich überlegte, ob ichihn anrufen sollte, entschied dann aber, dass mich keine Schuld traf. Ich würde nicht nachgeben. Meinen starken Willen (okay, meine Dickköpfigkeit) habe ich von beiden Seiten meiner Eltern geerbt. Bisher hatte er mir immer gute Dienste geleistet.
12 Jahre lang haben wir nicht miteinander gesprochen. Dann nahm ich über Facebook wieder den Kontakt mit ihm auf – hauptsächlich aus Neugier. Wie war er jetzt so? War er ein anderer Mensch? War er glücklich? Vermisste er mich manchmal? Ich fand schnell heraus, dass sich kaum was verändert hatte. Er gab mir die Schuld für unsere Entfremdung. Er war seiner 12-jährigen Tochter vor, seine Beleidigungen zu persönlich genommen und nicht als erste versucht zu haben, den Kontakt wieder herzustellen. Irgendwie habe ich schon immer insgeheim in meinem Herzen gefühlt, dass es weder an seiner Dickköpfigkeit, seinem Temperament oder dem Alkohol lag, dass er mich im Stich gelassen hat. Er hatte mich einfach immer nur als Last gesehen. Wahrscheinlich war er froh, mich endlich nicht mehr auf dem Hals zu haben. 

Während ich den hassgefüllten Nachrichtenverlauf löschte, weil er mich schlichtweg krankmachte, wurde mir klar, dass er mich nicht liebte. Wahrscheinlich hatte er mich niemals geliebt.

Zwei Jahre später schrieb er mir auf einmal und regte sich tierisch darüber auf, dass ich ihn bei Facebook entfreundet hatte (schon eine komische Zeit, in der wir leben). Ich antwortete, es war zu schmerzvoll für mich, an ihn erinnert zu werden. Und zack! befanden wir uns mal wieder in einer hitzigen Diskussion darüber, wer wen hätte anrufen sollen und wer an der ganzen Sache schuld war. Er sagte, ich sei verrückt und ich wäre genau wie meine Oma, die nebenbei bemerkt genau wie ich an einer bipolaren Störung leidet. Er nannte mich ein unreifes Kind und wir beide schrieben FUCK YOU! mehr als einmal. Während ich den hassgefüllten Nachrichtenverlauf löschte, weil er mich schlichtweg krankmachte, wurde mir klar, dass er mich nicht liebte. Wahrscheinlich hatte er mich niemals geliebt. Und auf einmal war ich wieder 12. Ich weinte. Und sehnte mir einen Vater herbei, der so nicht existierte.
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Tatsächlich hatte ich aber einfach nur an der falschen Stelle nach ihm gesucht – mein Stiefvater schenkte mir mehr Liebe, als ich es mir jemals erträumen hätte können. Blut und DNA garantieren keine liebevolle Beziehung zwischen Kindern und Eltern. Bei der Erziehung geht es um eine tiefe Verbindung, die auf bedingungsloser Liebe, Respekt und Fürsorge beruht. Das ist, was mein echter Vater mir gezeigt hat und dafür bin ich ihm unendlich dankbar. Er ist meine tägliche Erinnerung daran, dass ich es wert bin, geliebt zu werden. Dank seiner Liebe und der meiner Mutter und meinem Ehemann habe ich gelernt, was es heißt, zu lieben und geliebt zu werden.
Doch das allein ist immer noch nicht Grund genug, selbst Kinder bekommen zu wollen. Ich weiß ohne Zweifel, dass ich niemals ein Kind misshandeln würde. Ich würde es niemals im Stich lassen. Ich trage diese Art des Egoismus, der Gehässigkeit und der Herzlosigkeit nicht in mir. Aber ich weiß auch, dass es mich vielleicht irgendwann stören würde. Und egal wie liebevoll, unterstützend und aufmerksam du ihnen gegenüber auch bist, ich glaube, nein ich weiß, dass Kinder es spüren, wenn sie stören. Wenn sie nicht gewünscht sind.
Ich habe schon öfter Leute sagen hören, es wäre egoistisch keine Kinder zu bekommen. Sie meinen, man würde das nur machen, um weniger Verantwortung zu haben, mehr reisen und am Wochenende länger schlafen zu können. Aber so wie ich das sehe habe ich die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: Entweder bekomme ich Kinder und bereue es irgendwann oder ich habe keine Kinder und bereue es irgendwann. Im zweiten Fall wäre ich natürlich sehr traurig. Das wäre eine Entscheidung, die ich nicht mehr rückgängig machen könnte. Aber die erste Option hätte Einfluss auf das Leben eines anderen Menschens; die zweite betrifft nur mich. Wenn es egoistisch ist, sich für die zweite Variante zu entscheiden, dann habe ich anscheinend ein anderes Verständnis von Egoismus.
Ich denke viele Leute glauben, es wäre relativ unverfänglich, jemanden auf das Thema Kinderplanung anzusprechen. Ohne groß darüber nachzudenken gehen sie sogar noch einen Schritt weiter und erzählen dir ungefragt, dass du deine Meinung sicher noch ändern wirst und dass Kinder deinem Leben einen tieferen Sinn geben werden. Über die verschiedenen Gründe warum jemand die sehr schwierige Entscheidung getroffen hat, kinderlos zu bleiben, denken sie gar nicht erst nach. Ich frage mich, ob sie auch nur die kleinste Idee haben, wie verletzend es sein kann ständig zu hören, dass es etwas Anderes ist, wenn es deine Kinder sind. Manchmal ist es das nämlich nicht.
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