Bald auf der Leinwand: Eine Doku zur Körpervielfalt in der Modewelt

Foto: Skye Parrott.
Philomena Kwao.
Wohin man auch schaut, es scheint so, als würde derzeit ein Übergrößen-Model nach dem anderen erscheinen, gesellschaftliche Mauern einreißen und jegliche konventionellen, unrealistischen Schönheitsideale in Frage stellen. Trotzdem mangelt es noch immer an Repräsentation in den Medien. Wir zetern um jeden Begriff, der in diesem Zusammenhang verwendet werden kann: Größe, Hautfarbe, Alter, etliche vermeintlichen Kennzeichen – und doch präsentieren uns Marken weiterhin größtenteils nichts als dünn, jung und weiß. Straight/Curve, ein kontroverser Film, der bei vielen Designern und Agenten demnächst für starkes Unwohlsein sorgen wird, mischt derzeit die Modeszene auf und führt die mediale Auflehnung gegen diese langweilige und durchaus gefährliche Model-Monotonie an.

Was als dokumentarisches Filmprojekt begann, das sich lediglich mit der Welt von Plus Size Models auseinandersetzen sollte, hat sich organisch weiterentwickelt: Straight/Curve tangiert jetzt beide Seiten der Medaille, dick wie auch dünn, und widmet sich darüberhinaus noch dem nicht enden wollenden Verlangen nach Jugend und Weißsein. Der Film versucht das Publikum über den anhaltenden Mangel an Diversität, als auch über die möglichen Zukunftsszenarien in der Modewelt aufzuklären.

Obwohl wir uns noch bis 2017 gedulden müssen, um den Film offiziell und in seiner Gänze zu sehen, haben wir uns für euch um den zweiten Trailer bemüht, damit ihr euch einen Einblick verschaffen könnt. Wir haben außerdem mit Macherin Jenny McQuaile gesprochen und nachgefragt, ob sie Inklusivität für eine Modeerscheinung hält, und warum es wichtig ist, die Industrie bezüglich ihrer Scheinheiligkeit zur Rede zu stellen.
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Was hältst du vom derzeitigen Umgang mit dem Konzept der Inklusivität in der Modeindustrie? Wird tatsächlich Fortschritt gemacht oder empfindest du das Ganze, mangels eines besseren Wortes, als einen weiteren Trend?
„Nein, das finde ich wirklich nicht. Viele Leute sagen mir, so etwas hätte schon einmal stattgefunden, und jetzt wiederholt es sich eben. Aber ich glaube, dass es diesmal anders ist. Ich habe mit Menschen gesprochen, die ihre Wurzeln seit mehr als 15 Jahren in der Modeindustrie wissen, und alle sind der Meinung, dass es sich dieses Mal wirklich anders anfühlt.“

Findest du, Mode sollte das wahre Leben wiederspiegeln oder eine Zukunftsidee darstellen?

„Die Vorstellung, dass Mode eine Fantasie ist, ist sehr wahr, und absolut gültig. Mode sollte zelebriert werden und ich glaube, wir alle, als Frauen, empfinden Haute Couture als etwas, das als Fantasie zelebriert werden kann, aber der Punkt ist, dass auch Fantasien nicht nur eine Größe umfassen. Wir können weiterhin Frauen mit einer 34 [oder] 36 in unseren Modefantasien haben, aber genauso kann dort eine 46, eine 50 oder eine 54 vertreten sein... und das wird der Industrie nicht einmal schaden. Es wird ihr lediglich den Schein der Illusion nehmen.“

„Soziale Medien haben der breiten Masse eine Plattform und eine Möglichkeit gegeben, ihre Meinung kundzutun. Deswegen hört man jetzt mehr und mehr Leute, die sagen ‚Nein. Wir wollen uns selbst repräsentiert sehen!‘ [Ungefähr] 90% aller Frauen sehen sich in der Mode- und Medienindustrie nicht vertreten. Das ist verrückt. Und ich glaube, das wird sich weiterhin verbreiten, denn solange Menschen öffentlich äußern, was sie sehen wollen, wird dieser Konflikt nicht einfach verschwinden. Da steckt etwas dahinter, und immerhin steht auch das Geschäft auf dem Spiel. Es wird immer eine Art Haute Couture der Extraklasse geben, die sich bezüglich dessen auch nie ändern wird, aber vielleicht braucht sie das auch nicht. Meiner Meinung nach muss die wahre Veränderung eine Stufe darunter abspielen. Wenn sich zum Beispiel Häuser wie Michael Kors und Marc Jacobs einer breiteren Masse an Frauen und Größen öffnen würden, würde das den Dialog schon maßgeblich ändern. Es würde die Industrie maßgeblich ändern. Das hätte eine Art trickle-down Effekt; die H&Ms und Zaras dieser Welt würden es nachmachen. Die Massenmedien würden darüber berichten. Frauen würden einen anderen Zugang zu Kleidung erlangen und sich in der Modewelt vertreten fühlen.“

„Vielleicht wollten wir zu viel auf einmal, oder haben zu viel eingefordert. Dass jedes Modehaus sich verändern muss, und auch Chanel und Dior sich allen Frauen und allen Größen gegenüber offen zeigen müssen. Ich bezweifle allerdings, dass das wirklich passieren kann. Mit diesem fernen Ziel vor Augen könnte es uns geradeso misslingen, ein realistisches Ziel zu erreichen, was sich lediglich eine Stufe darunter befindet. Ich glaube fest daran, dass diese beiden Ideale in ein und derselben Modewelt koexistieren können ohne einander zu schwächen.“

Warum hast du das Gefühl, dass eine Erweiterung der Konfektionsgrößen in der Haute Couture nicht passieren wird?
„Vielleicht passiert es ja doch. Ich glaube zu wissen, dass viele Leute Design zur Kunst zählen. Ich glaube daran, dass Designer Künstler sind, und somit ist es ihnen vorbehalten ihrer kreativen Freiheit nach zu handeln und das zu kreieren, was sie nun einmal wollen. In dem Moment, in dem wir einem Designer vorschreiben, was er zu entwerfen hat, ist er kein Künstler mehr. Modedesign ist jedoch angewandte Art; Menschen werden diese Kleidung tragen und dafür bezahlen müssen. Ich empfinde es als falsch, Künstlern vorzuschreiben, was sie zu entwerfen haben, aber gleichzeitig halte ich es für notwendig, dass Modehäuser ihr Ziel vor Augen behalten. Es geht darum Geld zu verdienen. Das ist eine Multi-Milliarden-Dollar-Industrie. Es erscheint mir immer wieder merkwürdig und überraschend, dass die Leute das nicht verstehen, oder akzeptieren wollen.“
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Foto: Skye Parrott.
Iskra Lawrence.
Sogar unter Plus Size Models ist die Bandbreite dessen, was gemeinhin akzeptabel ist, noch sehr beschränkt. Warum, glaubst du, gibt es noch kein Model mit mehr als Größe 46?
„Die Antworten, die ich auf diese Frage bekomme, berufen sich immer wieder auf die gesundheitlichen Irrglauben, die verbreitet sind. Darauf gehen wir auch in der Dokumentation etwas detaillierter ein, und versuchen die Debatte von Gesundheit in Verbindung mit großen Größen positiv umzulenken... Es gibt ein allgemein gültiges Verständnis; viele denken ‚Wir dürfen nicht mit [Größen über 46] assoziiert werden, weil das ungesund ist.‘ Ich persönlich stimme dem nicht zu. Welches Recht steht uns zu, andere Frauen zu sehen und anhand ihres Aussehens zu beurteilen, ob sie gesund sind oder nicht, ganz egal, ob dick oder dünn? Das ist Unsinn. Es gibt so viele Missverständnisse, die sich im Rahmen der ansteigenden Rate von Übergewichtigen in den USA verbreiten, und Marken graut es davor, mit großen Größen in Verbindung gebracht zu werden.“

Es wirkt scheinheilig, dass die Modeindustrie sagt, „Diese Person ist dicker, deswegen kann sie nicht vollkommen gesund sein,“ und Agenturen Models gleichzeitig zu gefährlichen Diäten raten, damit sie eine Size Zero-Figur beibehalten.
„Ich glaube tatsächlich nicht, dass die Schuld ganzheitlich den Agenturen zugeschrieben werden sollte. Sie spiegeln die Nachfragen ihrer Klienten wieder. Es kommt also von beiden Instanzen und setzt sich anschließend in der Industrie fest. Schuld sind Auftraggeber, Agenturen und Marken; die ganze Bank durch. Sie alle haben Angst, und diese Angst ist sehr real.“

„Was wir mit Straight/Curve erreichen wollen, ist eine offene Diskussion, mit der wir Frauen zeigen können, dass sie fit und gesund sein können, und das in vielen, vielen Größen. Man kann ein Size 0-2 Model vor sich haben, das das pure Leben verkörpert, genauso kann man ein Size 0-2 Model dastehen haben und ihr den Tod förmlich ansehen. Und ebenso gibt es Frauen, die eine 46-50-54 tragen und einen Marathon laufen, wenn es Frauen mit derselben Größe gibt, die nicht einmal eine Treppe steigen können, ohne dem Ende nah zu sein. Es ist also sehr wichtig, immer wieder zu betonen, dass Gesundheit individuell ist und wir den jeweiligen Zustand einer Person nicht anhand ihres Aussehens beurteilen können. Ich weiß nicht genau, wie ich das Thema benenne, aber ich glaube, es rührt daher, dass wir uns über eine lange Zeit an Bilder von schlanken, dünneren Frauen gewöhnt haben und auf solche Bilder nicht mehr sensibel reagieren, wohingegen das andere Ende des Spektrums relativ neu ist. Deshalb fällt es leichter, Gründe zu finden, warum Leute das nur ungerne sehen.“

„Dem muss ich hinzufügen, wie wichtig es ist, zu betonen, dass Übergewicht trotz allem eine reale Gefahr ist. Niemand möchte einen ungesunden Lebensstil ermutigen. Das ist nichts, was man tun sollte. Doch da kommen wir wieder an den bekannten Punkt: Niemand befindet sich in der Position einer anderen Person vorzuschreiben, was ein gesunder, und was ein ungesunder Lebensstil ist. Für mich ist es tatsächlich von großer Bedeutung, die Diskussion zwischen Gesundheit und der Modeindustrie zu trennen.“

Welche Herausforderungen stellten sich dir während des Filmdrehs?

„Wir stießen auf Widerstand in der klassisch konventionellen Modewelt, die nichts mit der Plus Size-Welt zutun haben möchte. Es herrscht noch immer Angst. Das war eine große Herausforderung. Marken stehen entweder zu 100% hinter der Idee oder sind zu 100% dagegen. Das war interessant, es gibt für sie keinen Mittelweg. Ich weiß nicht genau, was das aussagt. Was wir mit dem Film versuchen, ist ein neues Level der Diskussion zu eröffnen, damit wir uns von allem Stigma, jeglichen Ängsten und Schamgefühlen befreien können.“

Wie kam die Auswahl der Darsteller im Film zustande?
„Wir wollten, dass unsere Frauen mehr als nur ein Gesicht sind. Viele Leute assoziieren mit Models nur ein Gesicht, oder nur einen Körper. Sie verkaufen Kleidung. Frauen in der Modeindustrie sind heutzutage soviel mehr als das und das muss man unbedingt anerkennen. Diese Frauen haben etwas zu sagen. Sie treiben diese Bewegung voran und schaffen Veränderung. Sie sind Aktivistinnen und arbeiten auf der ganzen Welt mit Organisationen zusammen, um Bewusstsein für Dinge wie Umweltschutz, Gesundheit und Bildung zu schaffen. Ich finde, das muss zelebriert werden. Ich finde, es ist an der Zeit, dass wir es schaffen, als Frauen gemeinsam stark zu sein und mehr zu kommunizieren als nur das, was wir gewohnter Weise mit Models verbinden, mehr als nur ein Körper oder ein Gesicht zu sein. Ich denke, all unsere Persönlichkeiten tragen das in sich.“

Warum ist Repräsentation so wichtig?
„Repräsentiert zu werden ist wichtig, weil jeder Mensch dieser Welt es verdient hat, sich vertreten zu wissen und darüber ein gutes Gefühl in Bezug auf sich selbst zu erlangen. Es ist unbeschreiblich schwer, jeden Morgen aufzustehen und sich ohne Weiteres in der eigenen Haut wohl zu fühlen, und das wird von der Industrie, von all den Medien, Filmen und der Musikindustrie, noch zusätzlich verschlimmert. Es macht erschwert einem unnötig das Leben.“

„Wir sollten Frauen feiern, damit sie rausgehen und ihre Arbeit tun können, damit sie dieses Bewerbungsgespräch, auf das sie schon so lange warten, souverän und selbstbewusst absolvieren. Wir sollten Frauen darin bestärken, nach den Sternen zu greifen und keine Angst davor zu haben, wie sie dabei aussehen. Das verletzt in letzter Instanz unsere Gesellschaft als Ganzes.“

Straight/Curve wird Anfang 2017 in den USA veröffentlicht. Das Erscheinungsdatum für Deutschland ist aufgrund fortlaufender Filmarbeiten noch nicht bekannt. Es ist zu erwarten, dass er im Frühjahr 2017 in deutschen Programmkinos erscheint.
Übersetzt von Rea Mahrous
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