33, verheiratet & bereit für ein Kind: Trotzdem hatte ich eine Spätabtreibung

Dieses Bild ist das einzige, das es von meinem Babybauch noch gibt. Den Rest habe ich gelöscht. Ich dachte, das würde mir helfen, zu vergessen. Meine Geschichte zu erzählen hilft vielleicht auch. Und zwar nicht nur mir.
Ich erinnere mich noch sehr genau an den Tag, an dem es passierte. Es war Dienstag, der 16. Mai. Ich war in der 20. Woche schwanger und hatte einen Termin zur Ultraschalluntersuchung. Insgeheim hoffte ich, diesmal würde man das Geschlecht unseres Babys bereits erkennen können. Mein Mann und ich hatten geplant, am Freitag ein paar Freunde einzuladen, um zu verkünden, ob es ein Junge oder ein Mädchen werden würde. Rückblickend hat es etwas Lächerliches an sich. Die vielen hellblauen und rosafarbenen Perlenketten aus Plastik, die wir für diesen Anlass gekauft hatten, liegen heute noch in dem Amazon-Paket, das neben unserer Wohnungstür steht.
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Meine Schwester Sabrina begleitete mich zu dieser Ultraschalluntersuchung. Ich hatte davor schon einige andere gehabt, zu denen ich immer alleine gegangen war. Nachdem ich dachte, die Untersuchung sei abgeschlossen, sagte ich ihr, sie könne ruhig nach Hause gehen. Die Krankenschwester hatte zuvor einen kleinen Zettel geschrieben, und ich dachte, darauf habe sie das Geschlecht meines ungeborenen Kindes notiert. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir noch nicht bewusst, dass sie nicht berechtigt war, mir zu sagen, wenn irgendwas nicht stimmt. Ich sollte bald erfahren, dass das nur eine Ärztin oder ein Arzt machen dürfen.
Als ich erneut aufgerufen wurde, um nochmal per Ultraschall untersucht zu werden, war ich deswegen alleine. Diesmal führte meine Frauenärztin die Untersuchung durch. Mein Herz begann zu rasen, als ich merkte, irgendwas stimmt nicht. Danach wurde ich in ihr Büro gerufen. Sie wollte mir mitteilen, was sie und die Krankenschwester gesehen hatten. Sie führte mich zu einem Stuhl, neben dem eine Tempobox stand. Die Ärztin schloss leise die Tür hinter mir. Ich wusste, dass das, was kommen würde, schlechte Nachrichten sein würden und bereute, meine Schwester nach Hause geschickt zu haben – und, dass mein Mann nicht bei mir war. Dann wurde mir eröffnet, dass unser Baby vergrößerte Hirnventrikel hatte. Diese natürlichen Hohlräume waren doppelt so groß wie sie eigentlich hätten sein sollen. In ihnen hatte sich das Hirnwasser gestaut. Der Fachbegriff dafür ist Ventrikulomegalie. Zu diesem Zeitpunkt konnte niemand sagen, was die Ursache oder der mögliche Ausgang dieser ersten Diagnose sein würde. Die Frauenärztin erklärte mir, alles könnte normal werden oder „sehr, sehr schlimm“. Ich wollte genauere Informationen, aber die konnte sie mir damals nicht geben. Ich wurde an einen Spezialisten verwiesen, der ein detailliertes Ultraschallbild, ein Echokardiogramm und ein fetales MRT durchführen würde. Mir wurde gesagt, einen Termin zu bekommen würde zweieinhalb Wochen dauern. Obwohl ich es besser wusste, fang ich an, wie besessen zu googeln. Ich wollte schon vorher wissen, wie die Chancen für mein ungeborenes Kind stehen würden. Ich erfuhr, dass es sich bei Ventrikulomegalie um einen der häufigsten Geburtsfehler handelt. Wenn sie ohne weitere Diagnosen auftritt, kann alles in Ordnung sein. Mein Mann und ich hofften, bei uns würde es genauso sein.
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Am 24. Mai hätte unser Termin beim Spezialisten stattfinden sollen. Als er kurzfristig abgesagt wurde, war ich dazu verdammt, zehn weitere Tage zu googeln und zu hoffen.
Am Tag der Untersuchung wurde meine Panik vom freundlichen Klinikpersonal abgepuffert. Routiniert und zügig führten sie mich durch die Tests. Bis der Ultraschall anstand. Die Hirnventrikel waren weiter gewachsen, und der Kopf unseres Babys (es war ein Junge) war unproportional groß im Vergleich zum Rest des Körpers.
Mein Mann und ich verbrachten eine Ewigkeit im Wartezimmer (Es waren in Wahrheit nur anderthalb Stunden). In dieser Zeit beobachteten wir zwei Paare, die in Tränen aufgelöst das Zimmer verließen, in dem die Untersuchungsergebnisse verkündetet wurden. Wir wollten eigentlich gar nicht erst reingehen, weil wir zu diesem Zeitpunkt schon ahnten, was uns erwarten würde.
Immer, wenn man denkt, man sei auf alles vorbereitet, erreicht einen die nächste Hiobsbotschaft. Der Kopf unseres Sohnes waren so groß geworden, weil die sogenannte sylvische Wasserleitung, die normalerweise dafür sorgt, dass das Liquor aus den Hirnventikeln abfließen kann, verstopft war. Das wiederum führte zu einer Krankheit, die man im Volksmund als Wasserkopf bezeichnet. Aufgrund dieser Krankheit war das Kleinhirn des Jungen unterentwickelt und ein anderer Teil des Gehirns, den man auf dem Ultraschall nicht sehen konnte, war wahrscheinlich zerstört worden.
Unser Sohn hatte außerdem noch keinerlei Anzeichen für Augen entwickelt und im Bereich der Brustwirbelsäule waren schwerwiegende Anomalien zu erkennen. Einer der drei Ärzte meinte, möglicherweise seien die Fehlentwicklungen unseres Sohnes das Resultat einer Genmutation. Wir wussten bereits, welche Entscheidung wir zu treffen hatten. Dass sie uns das Herz zerreißen würde, spielte keine Rolle.
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Wir wussten bereits, welche Entscheidung wir zu treffen hatten. Dass sie uns das Herz zerreißen würde, spielte keine Rolle.

Allein die Gehirnmissbildung stellte eine trostlose Prognose für unser Baby dar – schwere geistige und körperliche Behinderungen, eine Magensonde, Anfälle und die Unfähigkeit, jemals unabhängig leben zu können. Unser Sohn wäre ein Leben lang auf Rundumbetreuung angewiesen gewesen. Dass er keine Augen haben würde, verschlimmerte die Situation. Sein mentales Handicap wäre dadurch noch verstärkt worden. Er hätte sich einer Operation unterziehen müssen, um sich Augen einpflanzen zu lassen, die dann doch nicht funktioniert hätten. Die Wirbelsäulenprobleme hätten nicht nur seine Bewegungsfreiheit extrem eingeschränkt, sie hätte auch neurologische Konsequenzen gehabt. Falls er es überhaupt bis ins Erwachsenenalter geschafft hätte und die Genmutation dominant auf dem X-Chromosom gewesen wäre, hätte er niemals so etwas wie Lebensqualität erfahren.
Mein Mann und ich hatten die möglichen Konsequenzen schon vorher besprochen. Deswegen mussten die Ärzte nicht einmal den Raum verlassen, damit wir uns nach der Diagnose besprechen konnten. Die Entscheidung war qualvoll und herzzerreißend, und doch stand sie fest: Abtreibung.
Ich erspare den Lesern an dieser Stelle die grausamen Details. Es war eine drei Tage andauernde Prozedur von 30. Mai bis 1. Juni. Neben anderen Tests wurde eine Fruchtwasseruntersuchung durchgeführt, um mögliche Genmutationen festzustellen. So können die Ärztinnen bzw. Ärzte prognostizieren, ob so etwas nochmal passieren könnte. Trotz der starken Schmerz- und Beruhigungsmittel waren diese drei Tage die psychisch und körperlich anstrengendsten meines ganzen Lebens. Wenn ich die Augen schließe, spüre ich immer noch jeden einzelnen Stoß und Stich und ich muss sofort anfangen zu weinen.
Für die letzte Prozedur, die als Abortausräumung bekannt ist, stand ich unter Narkose. Nachdem ich aufgewacht war, fühlte ich mich den Rest des Tages vernebelt und gleichzeitig war ich erleichtert, dass es endlich vorbei war. Ich muss immer noch ständig anfangen, zu weinen. Dabei will ich mich einfach nur wieder fühlen wie ich selbst. Doch es gibt Tage, da ist es schon anstrengend, einfach nur zu existieren. Eine Woche, nachdem alles vorbei war, schoss die Milch in meine Brüste, weil mein Körper immer noch dachte, ich würde bald ein Baby zu ernähren haben. Ich konnte mit niemandem darüber reden, ohne komplett in Tränen auszubrechen.
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Nach einigen Tagen, die ich entweder mit Schlafen oder sinnlosem Starren auf den Fernseher verbracht hatte, ging ich wieder zur Arbeit. Auf Veranstaltungen zu gehen oder zu sozialen Zusammenkünften, ist aber nach wie vor eine Herausforderung. Allein die Frage: „Wie geht es dir?“ reicht an manchen Tagen aus, um mich zum Weinen zu bringen. Nicht zu wissen, wie und warum all das passieren konnte, ist etwas, mit dem ich jeden einzelnen Tag zu kämpfen habe.
Ob ich will oder nicht, ich bin jetzt eine Frau, die eine Spätabtreibung hinter sich hat. Und gleichzeitig eine glücklich verheiratete 33-Jährige, die bereit ist, eine Familie zu gründen.
Ich habe mich dazu entschlossen, meine Geschichte zu teilen, weil ich hoffe, es hilft mir und anderen, die vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich. Außerdem habe ich in einigen Facebook-Gruppen nach Trost gesucht. Es stellte sich heraus, dass viele Leute ihren Freunden und Verwandten sagen, sie hätten „ihr Baby verloren“. Jeder geht auf seine Art mit Trauer um und das ist okay. Doch es scheint, als würden sich viele Mütter für ihre Entscheidung schämen und Angst davor haben, was andere von ihnen denken könnten. Ich selber mache es anderen leider viel zu häufig recht. Und wahrscheinlich wäre ich normalerweise auch eher jemand, der seine Spätabtreibung verschweigt. Aber ich weiß, wir haben die richtige Entscheidung für unsere Familie getroffen und ich bin der Überzeugung der Schmerz, den ich nun auf mich nehmen muss, existiert, damit mein Sohn ihn nicht ertragen muss.

Ob ich will oder nicht, ich bin jetzt eine Frau, die eine Spätabtreibung hinter sich hat. Und gleichzeitig eine glücklich verheiratete 33-Jährige, die bereit ist, eine Familie zu gründen.

Der andere Grund, aus dem ich meine Geschichte erzähle, ist, um andere zu warnen: Selbst, wenn die Ergebnisse der Blutuntersuchungen keine Auffälligkeiten aufweisen (in meinem Fall waren es exzellente Resultate), kann trotzdem noch so einiges schieflaufen. Frauen und Familien, die sich freuen, ein Kind zu erwarten, stürzen sich nur allzu schnell in die ganzen lustigen Events rund ums Elternwerden: Wann werden wir unsere Schwangerschaft auf Facebook verkünden, wie werden wir das Geschlecht unseres Babys bekanntgeben? Dass manche Anomalien, wie bei mir, erst zu einem späteren Zeitpunkt entdeckt werden, darüber redet niemand. Zu sagen, dass ich das auf die harte Tour lernen musste, ist eine bodenlose Untertreibung. Ich möchte niemandem Angst einjagen, ich möchte nur klarmachen, dass nicht immer alles glattläuft, und man sich dieser Möglichkeit zumindest im Ansatz bewusst sein sollte.
Dieses Erlebnis hat den bei weitem dunkelsten Tiefpunkt meines Lebens markiert. Mir ist bewusst, dass die negativen Gefühle sich nicht in Luft auflösen werden. Und trotz allem, was ich erlebt habe, träume ich noch immer davon, eine Familie zu gründen. Ich sehne mich nach der kleinen, immer größer werdenden Kugel, und den schwachen Tritten, die ich in meinem Bauch gespürt habe und die gerade erst angefangen hatten. Aber bis es soweit ist, werde ich die Kiste mit den hellblauen und rosa Perlenketten aus Plastik auf dem Dachboden verstauen.
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