Was ich meinem 26-jährigen Ich gerne sagen würde

Joan Juliet Buck, die berühmte Vogue Paris-Redakteurin, schreibt ihrem 26-jährigen Ich einen Brief, in dem sie ehrlich – und mit Humor – Revue passieren lässt und Erlebtes neu bewertet.

Wellenlinie
Joan Juliet Buck hat lange Zeit für die Vogue Paris geschrieben und war außerdem als Autorin, Kritikerin und Essayistin tätig. Ihre Arbeit ist in diversen Publikationen gedruckt und veröffentlicht worden, so etwa in der Vanity Fair, Vogue, Traveler, The New Yorker, zuletzt auch in der Harper’s Bazaar, The Sunday Times Style und dem T Magazine.
Ich habe Tagebuch geführt, immer und über alles, deshalb kann ich das alles heute noch ganz einfach nachlesen.
Foto: Brigitte Lacombe.
Zu allererst: Iss etwas! Cappuccinos und Grapefruit? Davon kriegst du nur Magenschmerzen.
Außerdem würde es deiner Haut guttun, anständig zu essen. Und diese Tetracycline Pillen, die dir der Dermatologe gegen die Akne verschrieben hat? WEG DAMIT. Sie lassen deine Zähne gelb werden und bringen deinen Organismus komplett durcheinander.
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Schmeiß den blauen Mascara weg.
Deine High-Heels sind so hoch, dass sich eine Straße anfühlt wie ein Marathon. Du merkst das, aber du wirst die Absätze nicht sein lassen, weil sie deine Beine länger wirken lassen. Ich weiß. Ich bin du, viele Jahre in der Zukunft und ich erzähle dir jetzt einiges, was ich damals gerne gewusst hätte.
Hör auf ständig andere nach Erlaubnis zu fragen: Es ist ihnen im Prinzip egal, was du tust. Wenn es ihnen nicht egal ist, dann nur, weil sie dich in eine bestimmte Richtung weisen wollen, von der sie profitieren. Sie werden dir im Nachhinein nicht dafür danken, dass du ihren Rat befolgst und du wirst irgendwann merken, dass du nur Dinge für andere tust, nicht aber für dich. Konzentriere dich auf deine eigenen Wünsche, schmiede eigene Pläne. Such dir etwas, das deins ist.
Didier Duval für das Magazin 20Ans
Above: Buck at age 21, standing on the bed at the Hotel Esmeralda in Paris 1970.
Hör auf den Stand-up-Comedian zu daten, wenn du eigentlich selbst auf die Bühne willst. Geh und greif dir das Mic.
Du brauchst dich nicht vor Kritik an dem fürchten, wofür du dich einsetzt. Nicht für dich und deine Werte einzustehen, ist eine härtere Bestrafung als Kritik.
Und noch etwas, vor dem du dich nicht fürchten musst: All die Katastrophen, die du dir in deinem Kopf zusammenbraust, werden nie stattfinden. Ein paar seltsame Dinge werden passieren, aber die Welt wird nicht explodieren und sie wird auch niemals aufhören sich zu drehen.
Ich möchte, dass du weniger nervös bist, sei stattdessen selbstbewusster und geerdeter. Wie kannst du so abenteuerlustig und gleichzeitig so voller Angst sein? Deine Arbeit und dein Liebesleben werfen dich immer wieder in einen Strudel aus Höhen und Tiefen, die dich auslaugen und konstant für Drama sorgen.
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Du stellst dir vor, wie du eine Kerze anzündest, dich in Ruhe hinsetzt und tief ein- und ausatmest, aber das ist erst mal nur ein Bild vor deinem inneren Auge, denn Yoga ist noch lange kein Trend und niemand meditiert. Du solltest dich trotzdem bemühen etwas zu finden, das dir gut tut und das nichts mit der Arbeit, Liebe, Sex, Shopping oder sozialen Verpflichtungen zu tun hat. Du hast mit dem Ballett aufgehört, wirst aber mit 36 dazu zurückkehren. Trotzdem solltest du versuchen, den Fokus wiederzufinden, den du hattest, wenn du an der Barre gestanden und zu Klaviermusik Rond-de-Jambes gemacht hast.
Hör auf dir selbst im Weg zu stehen und jede Situation tausendfach zu überdenken. Du wirst nicht allem und allen immer einen Schritt voraus sein können und es gibt unzählige andere Wege, wie du deine Energie investieren kannst, anstatt sie in etwas zu stecken, das dir Kummer bereitet. Es lässt sich leichter laufen, wenn du dir dabei nicht ständig in die Füße schießt.
Joan Juliet Buck, 23, mit Paul Newman bei einem Screening in London 1972
Jedes Mal, wenn eine Beziehung zu Ende geht, denkst du, dass du nie wieder lieben oder geliebt werden kannst. Aber das war weder mit 16, noch mit 26 und auch 40 Jahre später nicht wahr. Und wenn du dich dann verliebst, solltest du nicht jedes Mal nach Gründen suchen, um es zu sabotieren.
Entspann dich, es muss nicht alles immer ein Drama sein.
Und jetzt zu einem sensibleren Thema: Du hast hohe Ansprüche, die dich teilweise arrogant werden lassen. Und ausgerechnet bei Männern ist dein Geschmack absurd, fast schon unterirdisch. Zu sehr hast du an das Märchen geglaubt, das Anaïs Nin in ihrem Tagebuch erzählte, in dem sie von einem freien, ungezwungenen Leben am Rand von Paris schrieb und sich ihren wahren Leidenschaften widmen konnte. Dass ihre Miete von ihrem Mann gezahlt wird, erfährst du erst später. Er war Bankier.
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In diesem Sinne solltest du dir auch die Worte „Sicherheit“ und „Stabilität“ noch einmal zu Herzen nehmen und deine tiefgehende Verachtung für Menschen, die viel arbeiten, um viel Geld zu verdienen, hinterfragen. Ich habe mit der Zeit immer wieder solche Leute kennengelernt, die wirklich gute Menschen waren, zuverlässig, gutmütig, klug und warm, manche sogar sexy. Und es stellt sich auch heraus, dass es gar nicht das Schlechteste der Welt ist eine Person an deiner Seite zu haben, die dich finanziell stützen kann, wenn du dich hauptsächlich dem Schreiben widmen willst.
Außerdem: Fang um Himmels Willen an, etwas Geld beiseite zu legen. Ich klinge wie meine Großmutter, aber ehrlich gesagt bist du einfach nicht der Freigeist, der du zu sein glaubst. Wenn du das wirklich wärst, hättest du bisher mehr Experimente gemacht, du hättest mit mehr Menschen geschlafen, Drogen ausprobiert und würdest mit einem VW-Bus in Marokko leben.
Joan Juliet Buck, 26, als italienische Korrespondentin für Women's Wear Daily und W magazine zu Besuch in New York im Januar 1975.
Stattdessen bist du steif und furchtbar verantwortungsbewusst, bist die zuverlässige Women’s Wear Daily-Korrespondentin in Italien und schreibst über Filme, Kunst und Mode. Es ist ein aufregender Job, voller Überraschungen und harten Deadlines und niemandem, der dir den Rücken stärken kann. Du bist gerade erst vor einem gewalttätigen Mann geflohen und lebst nun in einem kleinen Hotelzimmer mit Einzelbett in Mailand, wo du dich neu verliebt hast, trotz des Einzelbetts.
26 ist das Jahr der großen Abenteuer, Möglichkeiten und der Anfang deiner Weisheit. Du bist sowohl am Trivialen als auch an den Tiefen des Lebens interessierst und fängst langsam an hier einen guten Mittelweg für dich zu finden.
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Nächstes Jahr, mit 27, wirst du etwas schreiben, das deinen Zweifeln, Ängsten und dieser merkwürdigen Arroganz Ausdruck verleiht. Dein Text wird in der Vogue erscheinen und dein Traum vom Buch wird wahr, als ein Verleger dich anruft und fragt, ob du nicht eins schreiben willst. In klassischer Manier wirst du zwei Jahre warten, um ihm zu antworten, bis du verheiratet bist. Stell’ dir nur einmal vor, du hättest sofort geantwortet, wie viele Bücher du hättest bis heute schreiben können.
Mein letzter Rat ist etwas, das mir die große Liebe meines Lebens mal mit auf den Weg gegeben hat, nachdem unsere Beziehung vorbei war und wir endlich in der Lage waren, eine nicht-benebeltes Gespräch zu haben: „Du wolltest immer gleich das ganze Drehbuch schreiben und selbst inszenieren, hast mir dabei nur nicht wirklich Platz gelassen, um hinterher zu kommen. Es war, als wärst du alleine in der Beziehung gewesen. Ich habe mir immer gewünscht, du hättest mich hineingelassen.“
Lies das und nimm es dir zu Herzen: Wer auch immer das ist, der oder die da draußen wartet, lass sie rein. Verlange dir selbst nicht ab, das Endergebnis immer schon am ersten Tag voraussehen zu können. Du kennst nie die ganze Geschichte ab der ersten Seite. Öffne hier und da mal die Fenster und Türen, ich verspreche dir, langfristig ist das sicherer, als du dir denken magst.
Bannerfhoto: Joan Juliet Buck, 23, mit dem israelischen Schauspieler Chaim Topol (links) und ihrem Vater, Jules Buck (rechts), bei der Premiere von The Ruling Class 1972 in London.
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