"One Love?": Wie sieht es eigentlich am LaGeSo aus?

FOTO: Caroline Schmitt
Für viele der 80.000 Geflüchteten, die 2015 in Berlin ankamen, wurde das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) zum Schauplatz behördlichen Versagens. Bis zu 1.500 Menschen mussten täglich bei 39° Grad anstehen und wurden nur mangelhaft versorgt. Trotz Krisenstab und Medienrummel dauerten die Zustände bis Ende des Jahres an.

In den folgenden Monaten wurden 63 Sporthallen beschlagnahmt und dort Notunterkünfte für mehr als 10.000 Menschen eingerichtet. Obwohl das Leistungszentrum für Flüchtlinge seit Ende Mai ins ICC verlegt wurde und 1.800 Menschen pro Tag dort Krankenscheine, Taschengeld oder Unterstützung bei der Wohnungssuche beantragen können, ist das LaGeSo weiterhin die Erstanlaufstelle, an der jeder Geflüchtete bei Ankunft vorsprechen muss. Jenseits von bürokratischen Prozessen und Terminen in der Turmstraße wäre ohne Ehrenamtliche und Bürgerinitiativen wie "Moabit hilft" die alltägliche Versorgung nicht möglich.

Im Eingang von Haus D, dem Bereich der Initiative von "Moabit hilft", steht ein Tisch mit "Begrüßungskommittee". Draußen ist Sommer, alle Fenster stehen offen und man hört die Vögel zwitschern. Helfer sortieren Kleidung, Handtücher und Hygieneartikel in Regale ein. Auf dem Flur wartet eine junge Familie, die auf einen Kinderwagen wartet, erklärt ein Helfer. Über den jungen Eltern ist ein Herz auf die Korkwand gemalt: "One Love".


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FOTO: Caroline Schmitt
Christiane Beckmann war von Anfang an dabei. Eigentlich in der freien Wirtschaft tätig, brachte sie im August gemeinsam mit Gründerin Diana Henniges eine Autoladung Kleidung zum LaGeSo und konnte nicht wieder gehen. „Ich habe mich gefragt: Was ist denn hier kaputt? 200 Meter weiter bestellst du dir einen Latte Macchiato Caramel und hier sitzen Menschen, die gerade aus dem Krieg geflohen sind, Frauen, die auf dem Weg ein Baby bekommen haben oder schwer Traumatisierte, die mit dem Schlauchboot hergekommen sind, im Dreck?” Dann reichte sie erst Urlaub ein und blieb - für gewöhnlich 17 Stunden am Tag um Wasser, Kleidung, U-Bahn-Gutscheine und Trost auszugeben.

Was ist denn hier kaputt? 200 Meter weiter bestellst du dir einen Latte Macchiato Caramel und hier sitzen Menschen, die gerade aus dem Krieg geflohen sind.

Christiane Beckmann
Zehn Monate später sitzt sie in einem kleinen Büro am Ende des Ganges, von Frust oder Überforderung keine Spur. An den Wänden steht neben Fotos und Telefonnummern mit Edding Refugees Welcome geschrieben. An der Tür klopft es pausenlos. Vor Ort helfen jetzt noch ca. 30 Ehrenamtliche über den Tag verteilt, die Arbeit hat sich ausgeweitet und über die ganze Stadt verteilt: Deutschunterricht, Unterstützung bei Behördengängen und Patenschaften sind Teil des Kiezalltags geworden. Statistisch hat sich die Lage etwas entspannt: Nach Schließung der Balkanroute sank die monatliche Anzahl der Neuankömmlinge in Deutschland. Bis Mai 2016 wurden 13.000 Geflüchtete in Berlin aufgenommen, bis Ende des Jahres rechnet die Stadt mit weiteren 14.000.

„Die zurückgehende Zahl von Flüchtlingen hat dem LAGeSo in der Tat in den vergangenen Wochen eine Verschnaufpause bei der Erstaufnahme verschafft,” teilte die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales Refinery29 mit. Seit Juni 2015 sei das Personal am LaGeSo um ein fünffaches aufgestockt, neue Unterkünfte geplant und die Infrastruktur für Geflüchtete insgesamt verbessert worden. Dennoch hat sich die Wartesituation vor allem wegen der Verlagerung zum ICC verbessert.

„Es mag sich auf behördlicher Ebene etwas verbessert haben oder für vereinzelte Menschen, die es geschafft haben, eine Wohnung zu finden. Für die Menschen in Camps und Turnhallen ist natürlich nichts besser,” so Beckmann. Momentan leben alleine rund 9.000 Menschen in Berlin in Turnhallen, in denen eine zügige Integration schwer bis unmöglich ist.

Dabei ist gerade diese zu Beginn essentiell. Zu einer erfolgreichen Integration gehören Selbstversorgung, Sprachunterricht und eine Beschäftigung. 60% der Helfer von "Moabit hilft" sind selbst geflüchtet, und haben so den Sprung in ein neues Leben geschafft. „Im Sommer, als wir draußen Essen verteilt haben, sind die Ersten aufgestanden und haben geholfen. Das ist auch der Moment, in dem der Mensch wieder zu einem Individuum wird und aus dieser "Flüchtling"-Rolle rauskommt. Für die Menschen hört der Krieg ja nicht auf. Während sie hier stehen und helfen, fallen zuhause weiter Bomben,” sagt Beckmann.
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Ich arbeite hier, weil die Leute Hilfe brauchen. So einfach ist das!

Mohammed aus Daraa
Einer dieser Helfer ist der 19-Jährige Mohammed aus Daraa, Syrien. Seine Flucht dauerte vier Jahre an, da er zwischendurch in Jordanien lebte. Seit acht Monaten ist er in Deutschland, seit einem halben Jahr ehrenamtlicher Helfer: „Ich arbeite hier, weil die Leute Hilfe brauchen. So einfach ist das. 'Willst du reden? Brauchst du was zu trinken? Shampoo? Kleidung?' Dafür bin ich da. Es ist mir nicht wichtig, wo die Leute herkommen oder welche Sprache sie sprechen. Alle sind gleich viel wert.”

Statt akuter Probleme wie Nasenbluten, Durst oder Obdachlosigkeit behandelt das Team jetzt Dinge, für die es keine Pflaster gibt: Rechte Gewalt, Eltern und Geschwister, die noch in Kriegsgebieten festsitzen, Herkunftsländer, die als sicher eingestuft werden und Abschiebungen erleichtern sollen, und die dadurch entstehenden Ressentiments unter Geflüchteten.
FOTO: Caroline Schmitt

Ab August sollen in Berlin alle Abteilungen in einem Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) in Charlottenburg zusammengefasst werden. Bleibt abzuwarten, ob dadurch nicht nur die Bürokratie, sondern auch die tägliche Integration effizienter vonstatten geht. Christiane Beckmann wird trotzdem weitermachen um ein politisches Zeichen zu setzen. „Es ist ja nicht so, als fände ich das LaGeSo toll. Ich freue mich wenn der Tag kommt, an dem es heißt 'Ihr könnt dichtmachen', weil es bedeuten würde, dass das System endlich funktioniert.” Bis dahin werden im Haus D weiterhin Kinderwägen und Umarmungen verteilt.

Alle [Menschen] sind gleich viel wert!

Mohammed aus Daraa
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