Ich bin 33 & habe nicht vor jemals zum Altar zu schreiten

photographed by Megan Madden
Als Jugendliche lagen meine Freundinnen und noch in unseren Betten im Internat und dachten darüber nach, wie unser Leben mit 30 wohl aussehen würde. Wir alle wollten bis dahin verheiratet sein und mindestens ein Kind haben. Und damit das Bilderbuchleben vollständig ist, durften der süße Familienhund und ein schönes Haus natürlich auch nicht fehlen. Die Tatsache, dass zu diesem Zeitpunkt keine von uns weiter gegangen war, als mit einem Jungen etwas rumzumachen, hat uns nicht davon abgehalten von unserer vermeintlichen Bilderbuchzukunft zu träumen. Dieses Leben war uns nämlich vorbestimmt – dessen waren wir uns sicher.
Heute bin ich 33 und unverheiratet (mein 14-jähriges Ich ist bestimmt entsetzt darüber). Ich esse trockenes Toastbrot zum Abendessen, lasse meine Teebeutel in der Spüle vergammeln und meine Sneaker sind irgendwie immer dreckig. Diese allgemeine Schlampigkeit ist allerdings ganz bestimmt nicht der Grund, warum ich nie geheiratet habe. Ich habe einfach beschlossen, dass die Ehe nichts für mich ist.
Werbung
Interessanterweise war das auch schon recht früh ein Thema in meiner Beziehung. Noch in unserer Kennenlernphase machte mir mein Freund klar, dass die Ehe für ihn tabu ist. „Ich will niemals heiraten“, sagte er mir unerwartet beim fünften oder sechsten Date. Hetero-Männer tun das oft, wenn es ernster wird. Ein kleiner Test für sie, um herauszufinden, wie du in diesem Punkt tickst. Ist sie wie Glenn Close in Eine verhängnisvolle Affäre oder eher wie Julia Roberts in Die Braut, die sich nicht traut?
„Ich auch nicht“, erwiderte ich unverblümt.
„Wie kommt’s?“, fragte er mich etwas überrascht.
„Alle in meiner Familie sind geschieden“, antwortete ich ihm schulterzuckend. „Deshalb will ich das nicht.“
Meine Geschwister und ich haben schon oft darüber diskutiert, ob die Tatsache, dass wir Scheidungskinder sind, unsere Ehetauglichkeit positiv oder negativ beeinflusst hat. Einerseits weißt du nur zu gut, wie emotional anstrengend so eine Scheidung für alle sein kann und versuchst vielleicht deshalb deine Ehe um jeden Preis aufrechtzuerhalten. Andererseits ist dir aber auch klar, dass es nicht gleich das Ende der Welt ist, wenn die Ehe in die Brüche geht. Es ist schmerzhaft, klar! Aber das Leben geht nun mal weiter.
Mich persönlich hat die Trennung meiner Eltern zur Zynikerin gemacht. Ich werde den Gedanken einfach nicht los, dass Beziehungen sehr schnell bröckeln und jederzeit enden können. Einen Menschen zu lieben ist gewiss ein tolles, außergewöhnliches und magisches Gefühl, aber reicht das, um eine Beziehung dauerhaft zu pflegen? Und trotzdem gehen viele von uns in den 20ern diese eine komische Phase durch, in der Heiraten wie das ultimative Ziel der Beziehung erscheint. Freund*innen eilen zum Altar, als wäre es der Weg zu einem einmaligen Schlussverkauf. Sie suchen sich eine Person aus, mit der sie den Rest ihres Lebens verbringen wollen – was eine sehr optimistische Lebenseinstellung ist, wenn man bedenkt, dass viele von uns schon Probleme damit haben, mit Freund*innen ein Datum für ein gemeinsames Dinner festzulegen. Außerdem ist mittlerweile den meisten von uns bewusst, dass rund 40 Prozent der Ehen in einer Scheidung enden. Und dennoch stehen wir da und feiern das frisch gebackene Ehepaar, während sie sich das Ja-Wort geben und alles mit einem Kuss besiegeln.
Werbung
Was hab ich gesagt? Ich bin zynisch. Ober bin ich vielleicht doch nur ein Angsthase? Ich bewundere die Freund*innen, die sich für eine Ehe entscheiden, aber wenn ich dann in der Kirche sitze und sehe, wie das Paar bei Orgelklängen vor mir steht, mache ich mir eigentlich nur Gedanken darüber, ob sie sich das Ganze wirklich gut überlegt haben. Seid ihr euch sicher, dass ihr das nicht nur tut, weil es alle so machen? Außerdem habe ich das Gefühl, viele brauchen diesen Rummel, damit sie neue Bilder für ihren Instagram-Feed haben. Bei der Verlobung, wird die Hand, schön mit einem Filter versetzt, der Welt gezeigt. Und dann kommen ja noch die wilden Party-Bilder des Junggesell*innen-Abschied mit vielen Hashtags, damit so viele Menschen wie möglich sehen, wieviel Spaß du hattest. Die Hochzeit ist natürlich der krönende Abschluss der ganzen Arbeit. Immerhin wollen der teure Kuchen, die extravagante Location und die verliebten Blicke des Paare von jedem gesehen und vor allem geliked werden.
Ich weiß, ich weiß! Ich klinge richtig verbittert und mürrisch. Aber so diese hartnäckige Besessenheit davon, dass die Ehe der einzige Weg ist und du es bis zu einem gewissen Alter hinter dich gebracht haben solltest, sich einfach genauso geistlos anfühlt. Ich liebe meine Freund über alles und ich kann mir mein Leben nicht mehr ohne ihn vorstellen, aber mich vertraglich für immer an ihn binden? Ich habe das, was wir jeden Tag, jeden Monat, jedes Jahr zusammen haben ohne den Druck dieser Verpflichtung.
Baronin Fiona Shackleton, Scheidungsanwältin der Stars, legte vor einiger Zeit mal eine kontroverse Meinung und viel Diskussionsstoff dar, als sie öffentlich sagte, dass sie für Ehe-Unterricht in Schulen sei. Immerhin klären sie dort Kinder über Alkohol, Drogen und Sex auf aber schaffen es nicht über „die wichtigste Entscheidung ihres Lebens zu reden – die da wäre, mit wem sie sich fortpflanzen“, sagte sie in einem Interview bei dem britischen Radiosender Radio 4.
Werbung
Zugegeben, es ist nicht gerade die romantischste Herangehensweise, aber ich stimmen Ihnen zu, liebe Baronin. Naja, zumindest teilweise. Wenn ich an meinen Schulunterricht zurückdenke, erinnere ich mich an Lehrer*innen, die sich mit Photosynthese und Altwasserseen bestens auskannten, aber ich erinnere mich nicht, jemals auch nur ein wahres Wort über die Ehe gehört zu haben.
Ich bewundere diese Anwältin schon seit dem Tag, an dem Beatles-Legende Paul McCartney bei seiner Scheidung von Heather Mills vertrat und diese ihr im laufenden Prozess vor Wut einen Krug Wasser über den Kopf geschüttet haben soll. Doch Shackleton verzog keine Mine und stolzierte mit nassen Haaren aus dem Gerichtsaal, wie ein Bond-Girl. Und vielleicht scheint der Ehe-Unterricht in der Schule schonmal ein guter Schritt in die richtige Richtung zu sein, aber ich würde gerne noch etwas dazu ergänzen? Könnte der Lehrstoff dann auch beinhalten, dass es ok ist, wenn man niemals heiraten will. Er sollte diejenigen nicht ausschließen, die mit der Ehe nichts anfangen können und lieber Single bleiben wollen oder in einer Kommune mit 47 anderen Menschen leben und jeden Abend Orgien feiern wollen. In dieser pluralistischen Zeit, hat jede*r von uns andere Träume und Ziele. Warum sollten also auch alle zwangsläufig heiraten wollen?
In ihrem Roman “The Plus One“ beschäftigt sich Autorin Sophia Money-Coutts noch intensiver und mit einer guten Portion Humor mit der Liebe und ihrem Status in unserer heutigen Gesellschaft.
Werbung

More from Living

R29 Originals