Ergotherapeutin, 34: So lebt es sich mit 48.400 € Jahreseinkommen in Essen

Willkommen bei Money Diaries! Ein Format, in dem wir das allgegenwärtige Tabu Geld angehen. Wir fragen echte Menschen, wie sie ihr hart verdientes Geld sieben Tage lang ausgeben – und verfolgen jeden Cent. Diese Woche: Eine 34-jährige Ergotherapeutin aus Essen, die neben ihrem Hauptberuf im Altersheim arbeitet.
Beruf:  Ergotherapeutin
Branche: Gesundheitswesen 
Alter: 34
Ort: Essen 
Jahresgehalt (Brutto): 4.3000 € Hauptjob, 5.400 € vom Nebenjob, 50 € Dividendenausschüttung aus dem Online-Buchandel
Monatliches Einkommen (Netto): 2.750 €
Anzahl deiner Mitbewohner_innen: 1
Pronomen: Sie/ Ihr
Ich bin seit sechs Jahren Ergotherapeutin in einer Rehaklinik und arbeite noch zusätzlich auf 450-Euro-Basis im Altenheim. Ich habe mich schon früh darum gekümmert, Rücklagen zu bilden, ich investiere in Aktien, habe einige Eigentumswohnungen und bekomme Dividenden aus dem Buchhandel. Derzeit lebe ich mit meinem Freund zusammen. 
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Monatliche Ausgaben 

Wie viel zahlst du fürs Wohnen?
Ich wohne mit meinem Freund zusammen. Unsere Wohnung kostet 852 Euro warm pro Monat. Wir teilen uns die Kosten und zahlen jeweils 426 Euro. 
Zahlst du einen monatlichen Kredit oder Ähnliches ab?
Ja, meinen Studienkredit (150 Euro im Monat), außerdem zahle ich 80 Euro im Monat für die Tilgung der Baufinanzierung von einer meiner Eigentumswohnungen.
Hast du etwas gespart, wenn ja, wie viel hast du auf der Seite liegen? 
Ja, ich arbeite viel und bin sehr sparsam. Ich habe 1.7000 Euro auf einem Tagesgeldkonto. 5.000 als ETF-Sparplan und weitere 5.000 Euro in meinem Aktiendepot. Der ETF-Sparplan und das Aktiendepot sind für die Rente gedacht. Die Summe auf dem Tagesgeldkonto sind 10.000 Euro (als Notgroschen) und die 7.000 Euro Rücklagen für meine Wohnungen.
Was gibst du noch an monatlichen Fixkosten aus?
Unsere monatlichen Kosten für Lebensmittel betragen circa 300 Euro. Wir zahlen 130 Euro für Strom und 103 Euro für die Heizung, das sind monatlich für jeden 52,50 €. Mein Freund zahlt monatlich 40 Euro für das Internet. Ich zahle für die Rechtsschutz-, Hausrat- und Unfallversicherung 78 Euro. Zusätzlich zahle ich monatlich 13 Euro für meine Handy-Flat, 10 Euro für ein Immobilienscout-Abo, 87 Euro Tilgung für unseren Kühlschrank (10 Raten), 50 Euro für mein Jobticket und 3,99 € für meinen Schufa-Account. Des Weiteren zahle ich 325 Euro für einen berufsbegleitenden Master in Gesundheits- und Pflegepädagogik und zu guter Letzt zahle ich monatlich 25 Euro in meinen ETF-Sparplan für die Rente ein.
Hast du studiert? Wenn ja, wie hast du dich in der Zeit finanziert und musstest du etwas für dein Studium zahlen?
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Ich habe Ergotherapie an einer staatlichen Fachhochschule studiert, dafür sind Semestergebühren angefallen. Da ich für meinen ersten Studiengang das BAföG bereits ausgeschöpft hatte, habe ich einen KfW-Studienkredit aufgenommen und zusätzlich habe ich jedes Wochenende als Kellnerin gearbeitet. In meiner gesamten Studienzeit habe ich in einer WG gewohnt.
Welche Rolle hat Geld in deiner Kindheit gespielt? Wurde in deiner Familie offen über Geld gesprochen?
Meine Eltern kommen aus Westafrika und haben es in Deutschland immer schwer gehabt. Wir mussten jeden Cent umdrehen, viele unserer Möbel kamen vom Sperrmüll. Für meine Eltern war Bildung sehr wichtig, außerdem musste ich schon von meinem Taschengeld Geld zurücklegen – für schlechte Zeiten. Also, wenn ich irgendwas haben wollte, was meine Eltern mir nicht geben könnten, habe ich auf mein Erspartes zurückgegriffen. Mir war schon sehr früh klar, dass das Leben ohne Geld sehr unangenehm ist. Mir wurde beigebracht: Wenn ich Abitur mache und studiere, werde ich gutes Geld verdienen. Ich begann VWL zu studieren, merkte aber schnell, dass es nichts für mich ist. Ich habe trotzdem weitergemacht. Bis ich in eine Depression verfiel und in die Reha musste. Dort habe ich Ergotherapie kennengelernt, was ich dann auch angefangen habe zu studieren. Ich bin glücklich, dass ich mittlerweile Geld verdiene und zurücklegen kann und das tue, worauf ich Lust habe. Das Geld kommt von alleine, seit ich an meinem Glaubenssatz gearbeitet habe. In einem sozialen Beruf arbeiten und sich trotzdem um seine Finanzen kümmern? Für mich funktioniert das – mit Erfolg.
Wann bist du zu Hause ausgezogen?
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Ich wohne seit meinem 19. Lebensjahr nicht mehr zu Hause. Also seit circa 15 Jahren.
Bist du finanziell unabhängig? Und wenn ja, seit wann?
Einerseits ja, da ich sowohl in meinem Haupt- als auch im Nebenjob eine unbefristete Stelle habe. Ich bekomme jeden Monat mein Gehalt, ohne mir Sorgen zu machen, dass ich meine Rechnung nicht bezahlen kann. Andererseits: Wenn ich krank werden würde und nicht mehr arbeiten könnte, sähe ich schnell arm aus. Ich habe zwar Eigentumswohnungen und die Tilgungen für die Finanzierungen werden von den Mietern getragen, aber ich verdiene damit derzeit nichts. Und für eine Wohnung zahle ich noch in Eigenleistung 80 Euro monatlich für die Baufinanzierung ab.
Gibt es jemanden, beispielsweise aus deiner Familie, der / die in irgendeiner Weise Geld für dich zurücklegt?
Niemand. Ich werde nichts erben. Ich muss ganz allein für mich sorgen. 
Was war dein erster Job und wie hast du ihn bekommen?
Mein erster Job war als Kellnerin. Den Job habe ich damals über meine beste Freundin bekommen.
Machst du dir aktuell Geldsorgen?
Manchmal mache ich mir Sorgen, dass ich krank werde und nicht mehr arbeiten kann. Durch die Depression, die ich hatte, kann ich mir keine Berufsunfähigkeitsversicherung leisten. Deshalb habe ich eine Unfallversicherung abgeschlossen, das beruhigt mich ein wenig. Was mir aber Sorgen macht, ist, dass ich mit zunehmendem Alter nicht mehr Geld verdienen kann und alles teuerer wird und ich mir plötzlich nichts mehr leisten kann. Ich weiß nämlich nicht, wie lange ich noch einen Nebenjob machen kann. 
Hast du etwas geerbt oder erzielst du passives Einkommen?
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Ich erziele passives Einkommen in Form von Dividenden durch den Online-Buchhandel. Die Ausschüttungen von den Wohnungen nutze ich für die  Baufinanzierungen. 
Montag
Um 8:00 Uhr beginne ich zu arbeiten. Da ich in einer anderen Stadt arbeite, muss ich etwas früher aufstehen und morgens zum Essener Hauptbahnhof fahren. Dort kaufe ich mir heute eine Brezel für 1,70 €, während ich auf meine Anschlussverbindung warte. Wenn alles gut läuft, bin ich immer gegen 7:45 Uhr auf der Arbeit. Gegen 12.30 Uhr mache ich Mittagspause, ich habe mein selbstgekochtes Essen von zu Hause dabei und so keine Ausgaben. Um 16:30 Uhr habe ich Feierabend und bin ungefähr eine Stunde später zu Hause. Nach dem Abendessen lese ich einen Roman („Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie, Leseempfehlung!) und gehe um 22:00 Uhr schlafen.
Tagesfazit: 1,70 €
Dienstag
Ich mache mich um 6:45 Uhr auf den Weg zur Arbeit. Dort angekommen esse ich ein Müsli, das ich von zu Hause mitgebracht habe, dafür brauche ich nichts in meiner Mittagspause. Nach der Arbeit gehe ich direkt ein paar Lebensmittel einkaufen, ich habe nämlich Hunger und Lust auf Hähnchenbrust mit Pommes und Ketchup. Das kostet mich 9,60 €. Nach dem Abendessen telefoniere ich mit meinem besten Freund und gehe gegen 22:30 Uhr schlafen.
Tagesfazit: 9,60 €
Mittwoch
Mein Tag gestaltet sich bis 16:30 Uhr wie die Tage davor, ich habe keine Ausgaben. Nach der Arbeit kaufe ich auf dem Heimweg Bio-Basmatireis und passierte Tomaten für zusammen 5 Euro.  
Tagesfazit: 5 €
Donnerstag
Auch heute verlasse ich das Haus um 6:45 Uhr  zur Arbeit, in der Mittagspause esse ich einen Salat, den ich mir mitgebracht habe und fahre nach Feierabend direkt nach Hause.  Abends koche ich mir Nudelauflauf für den nächsten Tag, esse Abendbrot und schaue mir auf Youtube das Nachtcafé an. Gegen 20:00 Uhr telefoniere ich mit einer Freundin, danach scrolle ich durch Facebook und Instagram, bevor ich um 22:30 Uhr ins Bett gehe.
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Tagesfazit: 0 €
Freitag
Auch heute arbeite ich den ganzen Tag und fahre danach direkt nach Hause. Nach dem Abendessen wasche ich Wäsche und sauge die Wohnung. Um 20:00 Uhr treffe ich mich mit einer Freundin auf einen Spaziergang. Gegen 21:30 Uhr bin ich zurück zu Hause und scrolle noch ein bisschen durch Facebook und Instagram. Um 23:30 Uhr gehe ich ins Bett. Ich habe den ganzen Tag kein Geld ausgegeben.
Tagesfazit: 0 €
Samstag
Ich schlafe bis 9:00 Uhr. Dann fahre ich für meinen Nebenjob ins Altenheim und arbeite dort bis 17:00 Uhr. Für die Fahrt habe ich mir das Auto von meinem Freund ausgeliehen, für den Sprit zahle ich 30 Euro. Nach der Arbeit gehen wir einen Wochenendeinkauf machen. Mein Freund zahlt unseren Einkauf (ca. 100 Euro).
Tagesfazit: 30  €
Sonntag 
Um 9.00 Uhr wird gefrühstückt, es gibt aufgebackene Brötchen. Gegen 17:00 Uhr kommen meine Cousine und ihr Freund zu Besuch. Wir gehen gemeinsam mit meinem Freund Essen. Ich lade alle ein und bezahle 89 Euro. 
Tagesfazit: 89 €
Zusammenfassung: 
Lebensmittel: 14,60 €
Gastronomie: 90,70 €
Entertainment: -
Kleidung & Kosmetik: -
Transportkosten (Bahn, Auto, …): 30 € Sprit 
Weitere: -
Kosten insgesamt: 135,30 €
Dein Fazit:
Ich bin sehr sparsam, weil ich immer Angst habe, in einer Notsituation mal kein Geld zu haben. Ich lerne gerade, mich von diesem Mindset zu lösen und mir auch finanziell mehr zu gönnen, da ich ja auch sehr viel arbeite. Trotzdem denke ich, dass man seinen Lebensstil immer nach seinem Gehalt richten sollte, sonst kommt man in Teufelsküche. Ich werde mich in naher Zukunft nach einem Job umschauen, bei dem ich keinen Nebenjob benötige, außerdem möchte ich versuchen, Geld zu spenden. Denn eigentlich bleibt genug Geld übrig, um eine kleine Summe an andere weiterzugeben. Ich habe in einem Buch gelesen, dass Geld nur zu einem kommen kann, wenn es zirkuliert und für einen arbeitet. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Mensch mit Geduld und Disziplin das Beste aus seinem Geld machen kann. Auch wenn man wie ich einen sozialen Beruf ausübt.
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