Haben Millennials wirklich eine so miese Arbeitseinstellung?

Illustrated by Vera Romero.
Wenn ein Nicht-Millennial erklärt, wie das Arbeitsumfeld eines Millennials wohl aussieht, dauert es in der Regel nur Sekunden, bis Schlagworte wie Tech-Start-ups, Sitzsäcke, Flat Whites und Obstkörbe fallen.
Es gibt ein berühmtes Video des Motivationscoaches Simon Sinek, das über 10 Millionen Mal auf YouTube geklickt wurde und in dem er eine ganze Generation innerhalb von wenigen Minuten wahrscheinlich ziemlich gegen sich aufgebracht hat. Seine These: Millennials verstehen das Konzept von Führung nicht, sind verwöhnt, haben falsche Vorstellungen vom Leben, erwarten kostenloses Mittagessen, können nicht mit Veränderungen umgehen und haben immer schön was zu nörgeln.
Millennials sind alle, die von 1981 bis 1996 geboren wurden. Ganz schön weit gefasst, denn das beinhaltet sowohl Leute, die mittlerweile fast 40 sind, als auch solche, die gerade noch in der Uni stecken. Ein Viertel der Weltbevölkerung sind Millennials, in den USA machen sie die am meisten vertretene Generation von Arbeiter*innen aus. Sie sind Bäcker*innen, Lehrer*innen, Paketbot*innen, Anwält*innen, Kellner*innen und Führungskräfte. Eine ganze Generation als faul, narzisstisch, verwöhnt und schlechte Arbeitskräfte abzustempeln, ist da ein ziemlich gewagtes Statement.
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Ich bin 31 Jahre alt und wann immer mich jemand daran erinnert, dass ich ein Millennial bin, zucke ich innerlich kurz zusammen. Wer, ich? Als Generationenlabel wurde dieser Begriff auf eine riesige Ladung Gepäck geklebt – Gepäck, das auf einem Langstreckenflug herumgeschleudert wurde und das jetzt niemand mehr vom Kofferband nehmen will. Als mich Radio4 bat, einen Beitrag zum Thema „Millennials bei der Arbeit“ zu machen, war ich sofort bereit, die Dinge richtig zu stellen. Andere Generationen haben so einen großen Spaß daran, uns und unsere Arbeit durch den Kakao zu ziehen und ich wollte wissen, was wirklich los ist.
Millennials sind globaler vernetzt als ihre Vorgänger*innen, stammen von überall her und aus allen Bevölkerungsschichten. Was wir aber gemein haben, ist, dass wir mit dem Aufstieg des Internets aufgewachsen sind. Die unwiderstehliche Ablenkung von Social Media prägte unsere heranreifenden Gehirne im Kollektiv. Die Technologie hat unser Leben schnell und dramatisch verändert. Eine weitere Sache, die wir gemeinsam haben? Den Finanzcrash 2008, der nicht etwa von Millennials verursacht wurde, sondern von den Generationen vor uns, die jetzt so gerne Witze über uns machen.
Als die Investmentbank Lehman Brothers vor über zehn Jahren zusammenbrach, veränderte sich das Leben für Millionen von Menschen. Die darauffolgende Rezession betraf den gesamten Arbeitsmarkt – allen voran jedoch die Millennials. Robert Joyce ist stellvertretender Direktor am britischen Institute for Fiscal Studies (IFS), und was er zu sagen hat, ist ziemlich beunruhigend: „Was Millennials in ihren ersten Jahren als Erwachsene erlebt haben, ist – zumindest in der Nachkriegszeit – beispiellos.“
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Mit Eintritt der Wirtschaftskrise sank die Beschäftigung, die Löhne stiegen nicht weiter an. Millennials waren davon am stärksten betroffen, weil Unternehmen, die in finanziellen Schwierigkeiten stecken, eher die Gehälter für Neueinsteiger*innen senken oder kürzen, als die bestehender Mitarbeiter*innen. Nach 2008 verdienten jüngere Menschen also deutlich weniger, als sie eigentlich hätten erwarten können.
„Es gibt ein Konzept, das manchmal als "Narbenbildung" bezeichnet wird“, sagt Joyce. „Das anfängliche wirtschaftliche Umfeld, in dem du zum ersten Mal mit verfügbaren Arbeitsplätzen, Lohnniveau und ökonomischen Standards konfrontiert wirst, kann sich nachhaltig auf deinen gesamten Lebensweg auswirken. Auch wenn sich die Wirtschaft erholt, könnte es also dennoch sein, dass sich die jungen Menschen, die damals angefangen haben, nie ganz erholen werden.“
Der fiskale Schock, verstärkt durch das folgende Jahrzehnt der Sparpolitik und die immer weiter um sich greifenden Folgen des globalen Kapitalismus wie etwa chronische Unsicherheit und Zeitarbeit, bedeutet, dass unsere Generation die stressigste Wirtschaftsperiode seit den 1930er Jahren erlebt hat. Nach Angaben des IFS sind die Löhne heute noch immer real niedriger als vor der Finanzkrise.
All dies ist wichtig, um zu verstehen, wie wir arbeiten. Unsere Schwierigkeiten bei der Vermögensbildung (Renten sind weitaus weniger großzügig geworden, niedrige Zinssätze bedeuten, dass unsere Ersparnisse nicht mehr viel ausmachen, teurer Wohnraum lässt uns wenig zum Sparen übrig) haben das beeinflusst, was wir vom Leben wollen. Wofür arbeiten wir, wenn es keine Sicherheit für einen komfortablen Ruhestand, Ersparnisse oder ein Zuhause gibt? Bei der Arbeit geht es nicht mehr um die Zukunft. Immer mehr Menschen entscheiden sich deshalb für Jobs, die ihnen Spaß machen und sind nicht bereit, ein Burnout einzustecken. Wieso sollten wir auch?
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Dr. Mary Donohue, Sozialwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Evolutionspsychologie, bestätigt, dass die wichtigste Belohnung am Arbeitsplatz derzeit „Freizeit und Work-Life-Balance“ seien. Dr. Donohues besonderes Forschungsgebiet ist der heutige Mehr-Generationen-Arbeitsplatz. Sie erklärt außerdem, dass die Veränderung unserer Arbeitseinstellung etwas mit dem von ihr sogenannten „CEO-Fallschirm“ zu tun haben könnte. Als die Generation X (geboren zwischen 1965 und 1980), die vor den Millennials kam, anfing zu arbeiten, gab es eine Kultur, in der der CEO nichts falsch machen konnte.
„Egal was der CEO tat, er bekam seinen Bonus und auch sonst alles, was er wollte. Wenn wir uns nun die Millennials ansehen, sind sie also mit Führungskräften aufgewachsen, deren Fokus auf Geld, Titeln und konservativen Aktionärsstrukturen lag. 2008 brach das System, das auf diesen drei Säulen beruhte, zusammen und die Finanzkrise war da. Was Millennials gelernt haben, ist, dass man auf seine Familie und Freund*innen zählen kann, aber sicher nicht auf irgendwelche CEOs oder sonstige Bosse.“
Millennials passen sich dementsprechend an. Der neue Lebenstraum heißt Freizeit. Reisen, Existenzgründung, drei oder vier verschiedene Jobs, mehr Zeit mit Freund*innen und Familie verbringen – das sind wichtige Werte geworden. In einer Welt, in der die Leiter keine Sprossen mehr hat und keiner so richtig weiß, wo eigentlich oben sein soll, macht das nur Sinn.
Professor Jeffrey Arnett, Entwicklungspsychologe an der Clark University in Massachusetts, hat eine neue Lebensphase identifiziert, die er „Emerging Adulthood“ nennt. Aufgrund des wirtschaftlichen Schocks dauert es länger, bis junge Menschen traditionelle Erwachsenenarbeit leisten, was wiederum Spannungen zwischen den Generationen verursacht. Wir werden an alten Maßstäben gemessen, unser Fortschritt wird von Menschen beurteilt, die in ihren Zwanzigern geheiratet haben, feste Jobs hatten und jetzt denken, dass mit dieser neuen Generation, die angeblich keine Entscheidung treffen kann, etwas nicht stimmt.
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Für meine Podcastfolge interviewte ich auch eine Gruppe Freunde, die alle erst 24 Jahre alt sind und schon seit sechs Jahren in ihrem eigenen Start-up arbeiten. Es ist fast 21 Uhr, als ich sie in ihrem Büro besuche und doch sind immer noch alle fokussiert bei der Arbeit. Alex Fefegha ist in Südlondon als Pflegekind aufgewachsen und leitet das Unternehmen. Er findet Millennials weder unzuverlässig noch faul: „Es gibt wahrscheinlich ein gewisses Maß an Widerstandsfähigkeit, das wir im Vergleich zu früheren Generationen haben. Früher sind Leute über mehrere Jahre in einem Job geblieben, weil diese Stabilität einfach vorhanden war. Heutzutage ist Stabilität für uns nur eine Illusion. Wir müssen jederzeit bereit sein, weiterzuziehen.“
Ganz so düster sieht unsere wirtschaftliche Zukunft dann aber vielleicht doch nicht aus: Wir haben die Möglichkeit, zu erben. Laut Joyce sitzen die älteren Generationen Großbritanniens derzeit auf einem sehr hohen Anteil des Vermögens des Landes und auch in Deutschland sehen die Zahlen ähnlich aus. Irgendwann wird etwas mit all diesem Reichtum passieren. Vieles davon wird auf die kommende Generation herunterrieseln, wobei auch das ein weiteres Problem mit sich bringt: Wer schon Geld hat, dem wird in der Regel mehr gegeben, die anderen schauen mehr oder weniger in die Röhre. Das erklärt auch Joyce vom IFS: „Das zu vererbende Geld wird ungleich verteilt werden. Daher gibt es eine Reihe von Fragen, die sich alle darum drehen, wer genau von diesen Erbschaften profitieren wird. Wird das Erbe die bestehenden Ungleichheiten in dieser Generation verschärfen oder mildern? Was bedeutet es für die soziale Mobilität, wenn junge Menschen immer mehr darauf angewiesen sind, dass der Wohlstand von ihren Eltern abfließt?“
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Ein großer Teil unseres Arbeitslebens wird also von durch vergangenes Erlebtes bedingt. So gibt es genug Dinge, die uns ausbremsen. Was wir nicht noch zusätzlich brauchen, sind vorschnelle Urteile und Stereotypen, die keine*m weiterhelfen. Wer einen Blick auf die Gesamtsituation wirft, sieht, dass wir uns schon ziemlich gut schlagen.
Politisch und wirtschaftlich sind die Dinge jedoch nicht gerade stabil, und ich kann nicht umhin, an die nächste Generation zu denken. Junge Erwachsene, die in die Arbeitswelt einsteigen, werden vor Herausforderungen stehen, die wir uns heute noch nicht vorstellen können, und wie die Babyboomer vor uns, werden auch wir vielleicht versucht sein, sie vorschnell zu verurteilen. Bevor wir das jedoch tun, sollten wir uns vielleicht daran erinnern, wie sich das anfühlt, lieber erstmal den Mund halten und einen Dialog aufbauen.
Du kannst dir die Podcastfolge „Millennials In The Workplace“ beim BBC – auf Englisch – anhören.
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