Warum TikToks Entschuldigung für viele Schwarze User*innen nicht genug ist

Photographed by Lauren Maccabbee.
Es gibt über 4,6 Milliarden #BlackLivesMatter-Posts auf TikTok. Allein diese Zahl zeigt schon auf, wie wichtig der Content der Schwarzen Schöpfer*innen auf der Plattform für den Erfolg der App ist. Doch gerade in der zweiten Maihälfte, machten BIPoC-User*innen von TikTok deutlich, dass ihre Arbeit vom Algorithmus nicht fair behandelt wird.
Am 19. Mai nahmen viele TikToker*innen an einem Blackout in der App teil. Dieser war eine Art Kundgebung gegen die ungleiche Anwendung der Gemeinschaftsrichtlinien der App (eine Behauptung, die TikTok zurückgewiesen hatte). Als dann Ende Juni Beiträge mit Hashtags wie #BlackLivesMatter auf der Plattform zum Teil unsichtbar wurden, geriet TikTok immer mehr in die Kritik, den Dialog um dieses Thema zu erschweren.
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Nach diesem viralen Aufruhr gab TikTok am 1. Juni eine Erklärung heraus, in der sich das Unternehmen bei seinen Schwarzen User*innen entschuldigte: „Wir möchten, dass ihr wisst, wir hören euch und interessieren uns für eure Erfahrungen auf TikTok. Wir erkennen unsere Schwarzen Content Creator und die Gemeinschaft der Schwarzen, die sich unsicher, nicht unterstützt oder unterdrückt gefühlt haben, an und entschuldigen uns bei ihnen. Wir wollen nicht, dass sich jemals jemand so fühlt. Wir heißen die Stimmen der Black Community von ganzem Herzen willkommen“. Das Unternehmen kündigte auch an, insgesamt vier Millionen Dollar an Organisationen spenden zu wollen, die sich der Unterstützung der Schwarzen Community und dem Kampf gegen rassistische Ungerechtigkeit verschrieben haben.
Nach der Veröffentlichung der Erklärung von TikTok wandte sich Refinery29 an mehrere TikToker*innen, die am 19. Mai am Blackout teilgenommen hatten. Mecca Verdell (@mecca.morphosis), eine 22-jährige TikTokerin, die während des Blackouts durch ihr Slam-Gedicht populär wurde, hält die Entschuldigung von TikTok für den ersten Schritt in die richtige Richtung. „Die Sache ist die: Jedes Medium wird ein Spiegelbild der Menschen sein, die es geschaffen haben“, meint sie. „Es geht nur darum, was man zulässt, ignoriert und wogegen man ignorant ist. TikTok hat also definitiv einen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Das Unternehmen hat sich darüber informiert, was wir brauchen und spendet jetzt Geld an Organisationen, die Schwarze Leben/Schwarze User*innen schützen.
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Das bedeutet aber noch lange nicht, die Arbeit sei getan! Nur wenige erinnern sich daran, dass die ersten TikTok-Nutzer*innen eigentlich von Musical.ly, dem Nachfolger von Vine, einer Plattform, die durch die kreative Kraft ihrer Schwarzen Influencer*innen noch populärer wurde, kamen. „Alle ‘heißen uns willkommen‘ (weil wir unterhaltsam sind), aber das bedeutet nicht, dass sie sich für uns einsetzen. Deshalb müssen wir Schwarzen TikToker*innen uns gegenseitig weiterhin über die Aspekte von Rassismus informieren und unsere Erfahrungen nach außen tragen“, erklärt Verdell.
Vor diesem Statement hatte die Plattform jegliche Behauptung, dass die Richtlinien nicht fair auf alle Nutzer*innen angewandt würden, strikt dementiert – doch mit der Entschuldigung zeigt TikTok, dass das Unternehmen sich in seinem Verhalten verbessern möchte. Nach der Erklärung vom 1. Juni folgte die Teilnahme der App am Blackout Tuesday, um sich mit den Schwarzen Künstler*innen und Musiker*innen solidarisch zu zeigen. Viele finden aber auch diese Aktion nicht genug.
Die TikTokerin Jailyn Feliz (@jailynisfeliz) hatte auch am Blackout teilgenommen. Zu dieser Zeit folgten ihr rund 5.000 Menschen. „Ich habe an diesem Tag drei TikToks veröffentlicht. Außerdem verbrachte ich den Tag damit, die Inhalte der Schwarzen TikToker*innen zu liken, zu kommentieren, zu teilen und ihnen zu folgen“, sagt Feliz. „Ich war richtig stolz auf die Bewegung. Mehr Content von Schwarzen auf meiner For You-Seite zu sehen, motivierte mich, damit weiter zu machen. Am Ende des Tages stieg ihre Followerzahl auf 11.000. In den nächsten drei Tagen hielt sie weiter an ihrem Konzept, aber ihre Beiträge erhielten nicht die Klicks und Likes, die sie eigentlich bei einer Followerzahl wie ihrer erwartet hatte.
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„Mittlerweile habe ich über 39.000 Follower, aber meine Views sind immer noch ziemlich niedrig“, schreibt Feliz per E-Mail an Refinery29 . „Die Leute, die mir folgen, sehen meinen Inhalt nicht. Aber verglichen mit anderen User*innen, die für eine bestimmte Zeit nicht einmal mehr Posts machen konnten oder die geshadowbanned wurden, weil sie sich über Rassismus geäußert haben, scheint mein Problem fast schon nichtig zu sein.
Shadowbanning ist ein zunehmend beliebter Begriff, der Fälle beschreibt, in denen Social-Media-Plattformen angeblich die Verbreitung von Inhalten verbieten oder einschränken, ohne den oder die Urheber*in zu benachrichtigen. In der Regel werden die Macher*innen benachrichtigt, wenn ihr Inhalt gegen die Richtlinien verstößt oder wegen eines vermuteten Vergehens verboten wird. Personen, die sagen, dass sie geshadowbanned wurden, erhalten keine solchen Benachrichtigungen und stellen stattdessen fest, dass die Leute, die ihnen folgen, ihre Videos in den Feeds nicht sehen können und ihre Klicks, Likes und Kommentare verdächtig niedrig sind. Manche behaupten, sie konnten den Shadowban aufheben, indem sie die Inhalte entfernt haben, von denen sie vermuten, dass sie sie in Schwierigkeiten gebracht haben.
„Mir folgten über 11.000 Menschen, aber irgendwie bekamen die Videos, die ich gepostet habe, nur ein paar hundert oder tausend Views. Das hat mich irritiert. Interessanterweise ist der TikTok, den ich zu genau diesem Thema gemacht habe, jetzt mein meistgesehenes und beliebtestes Video auf meiner Seite“, sagt Feliz. „Danach bin ich weiter gewachsen, und der Schwung hat irgendwie wieder zugenommen. Der Algorithmus ist kompliziert – ich bin noch dabei, ihn zu verstehen.“

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