Reclaiming #Nafri: Warum ich das Schlagwort für mich zurückerobere

Foto: Rea Mahrous.
Als ich am Sonntagmorgen vom mittlerweile berüchtigten Tweet der Kölner Polizei in der Silvesternacht las, überkam mich eine Mischung aus Wut, Erleichterung und ekstatischer Verwirrung. Und dann musste ich panisch lachen.
Wut, weil es zu allererst und losgelöst von allen Hintergründen schier unfair erscheint, eine Gruppe von, nein, nicht zehn, sondern mehreren Hunderten Menschen abzuführen, weil sie aufgrund ihres Aussehens unter Generalverdacht stehen. Sie sollen Taten begangen haben, von denen nicht einmal klar ist, ob sie überhaupt schon begangen wurden oder ob es sich seitens der Polizei um präventive Eingriffe im Sinne der Gefahr im Verzug handelt.
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Erleichterung, weil ich der Polizei dankbar für ihre Leistung bin. Die am Kölner Hauptbahnhof anwesenden Beamten und Beamtinnen haben das Land vor einer Wiederholung der Silvesternacht aus dem Vorjahr bewahrt. Das ist ein Erfolg, den man ihnen genau so zugestehen muss.
Lachend, weil der Vorfall einmal mehr bewiesen hat, dass der Umgang mit sozialen Medien in die Kölner Polizei, sowie in den meisten anderen deutschen Behörden, noch nicht so richtig angekommen zu sein scheint. Es fällt mir schwer zu glauben, dass jemand, der über das Know-How und die nötige Vertrautheit mit dem Medium verfügt, internen Fachsprech herausposaunt und so ins offene Messer läuft.
Gleichermaßen verwirrt und amüsiert haben mich die Reaktionen vieler Leute: „Rassismus!“, „Wie kann das sein?!“, schreien die einen. „Die Polizei ist gar nicht rassistisch, sie schützt uns doch nur!“, schimpfen andere. Scheinbar hat es viele Leute schockiert, gar überrascht, dass wir systemischen Rassismus in Deutschland haben sollen. Mich betrifft es als Kind eines ägyptischen Vaters, der in den 1970ern nach Deutschland kam, persönlich – und zwar schon immer. Nur dachte ich eigentlich, dass man selbst gar nicht dunkel sein muss, um zu wissen, dass auch heute noch flächendeckende Ressentiments gegenüber dunkleren Personen vorherrschen. Diese Transferleistung scheint allerdings zu viel verlangt zu sein.
Die Polizei als staatliches Organ ist nicht rassistisch per se. Sicherlich gibt es unter Polizisten auch schwarze (bzw. sehr, sehr weiße) Schafe, die in ihrer Arbeitsweise diskriminierende Methoden anwenden. Allerdings gibt es mindestens genauso viele, die ihre Arbeit ernsthaft und ehrlich ausführen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sogar Polizisten mit nordafrikanischem Migrationshintergrund gibt.
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Aber lasst mich eines trotzdem klarstellen: Rassismus ist real. Er lebt und gedeiht, er findet nicht nur an Silvester statt, sondern auch an den restlichen 364 Tagen im Jahr und er fühlt sich beschissen an. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.
Nach der vergangenen Silvesternacht haben sich nun viele meiner Freunde und Bekannte mit nordafrikanischen Wurzeln, inklusive mir, des Begriffs „Nafri“ angenommen und etwas ganz eigenes daraus gemacht. Nicht, weil wir Verbrecher sind. Und auch nicht, weil es so schön ist, zu einer Gruppe allgemein verdächtigter Personen zu gehören, sondern weil niemand einfach so darüber bestimmen kann, wie man uns nennt, ohne dass wir da ein Wörtchen mitzureden hätten. Jemand, der nicht von Rassismus betroffen ist, besitzt ganz einfach nicht das Recht zu diktieren, was Rassismus eigentlich ist und wie er sich anfühlt.
Das linguistische Relativitätsprinzip zeigt, dass Sprache immer nur das sein kann, was ihre Nutzer aus ihr machen. Wir erobern das Wort zurück, das zum diskriminierenden Hashtag verkommen und uns stigmatisieren sollte – einer allgemeinen Wahrnehmung zum Trotz.
Denn wenn „mehrere Hundert“ Menschen pauschal eines Verdachts bezichtigt werden, der noch gar nicht belegt ist, dann können sie zum Zeitpunkt der Untersuchung noch gar nicht mit absoluter Sicherheit Intensivstraftäter sein. Genau das wollen wir klarmachen: Mögen es 100 tatsächlich Straffällige gewesen sein, die restlichen leiden dann einfach mit, gewissermaßen als Kollateralschaden. Man muss gar nichts tun, man ist einfach da – und dann ist man plötzlich schuld, weil man potenziell gefährlich aussieht. Bis festgestellt wird, dass man eben doch nichts verbrochen hat. Eine Entschuldigung wird gemurmelt, dann ist sie weg. Das Stigma bleibt.
Ein Nafri kann jemand sein, der illegal aus Nordafrika einreist, ein Verbrechen begeht, sich strafbar macht und des Landes verwiesen gehört. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand allerdings nur so aussieht, als ob, sich dabei aber niemals hat etwas zu Schulden kommen lassen und am besten noch gebürtige Deutsche oder gebürtiger Deutscher ist, ist allerdings genauso hoch, wenn nicht noch höher.
Deshalb, für all diejenigen, die nicht biodeutsch aussehen und ihr Leben lang unter falschem Verdacht stehen, möchte ich dieses Schlagwort zurückerobern. Außerdem klingt es doch eigentlich ganz schön: Hi, ich bin Rea und ich bin Nafri-Deutsche.
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