Warum ein Begrüßungsritual immer wieder für Verwirrung sorgt

Illustration: Louisa Cannell.
Mit anderen Menschen Zeit zu verbringen ist super, aber es gibt da ein paar gesellschaftliche Gepflogenheiten, die doch immer wieder seltsam sind. Wenn du jemandem nicht unbedingt sehr nahe stehst, ist nicht immer gleich klar, wie man denjenigen begrüßen oder auch verabschieden soll. Die meisten Leute bedienen sich hierzu physischer Gesten. Wenn du aber so gar nicht weißt, was auf dich zukommt, kann die Situation auch mal seltsam werden.

Es ist ja schon ziemlich schwierig, einer ungewollten Umarmung auszuweichen, noch schlimmer wird es jedoch, wenn Wangen- und Luftküsse hinzukommen. Meine Chefredakteurin hatte das Thema neulich angesprochen. Sie erzählte, dass viele ihrer Freunde sie seit neuestem immer wieder mit Luftküssen begrüßen - sie kann sich jedoch nicht erklären, woher das plötzlich kommt.

Um dem Phänomen auf den Grund zu gehen, haben wir uns mit Lizzie Post, Sprecherin des Emily Post Instituts und Co-Moderatorin von dem Podcast Awesome Etiquette, unterhalten.

Die schlechte Nachricht: Es gibt keine eindeutige Antwort auf die Frage, warum Leute andere zur Begrüßung auf die Wangen küssen - oder auch in die Luft. Das Ganze hängt stark mit dem sozialen Umfeld zusammen, in dem man großgeworden ist. Trotzdem gibt es ein paar Dinge, die man tun kann, um die Sache für alle Beteiligten angenehmer zu gestalten.

„Es ist lustig zu sehen, wie das in einigen Gruppen so abläuft. Meine Freundinnen und ich geben uns keine Luftküsse, aber wir umarmen uns. Es gibt immer eine Umarmung zur Begrüßung und dazu manchmal auch einen Kuss auf die Wange“, verrät die Expertin. „Aber in meiner Familie… da gibt es immer sowohl Umarmungen als auch Luftküsse. Ich weiß, dass es auch Leute gibt, bei denen nur „luftgeküsst“ wird und wieder andere verzichten ganz darauf. Man muss sich da einfach irgendwie hineinfühlen und herausfinden, was für sich und seine Freunde funktioniert.“

Wenn man allerdings mit Leuten unterwegs ist, die nicht unbedingt zum engsten Freundeskreis gehören, ist das mit dem Reinfühlen so eine Sache. Lizzie rät, dem Gegenüber durch die eigene Körpersprache dezente, aber klare Hinweise zu geben und nicht etwa eine Unterhaltung zu starten, die möglicherweise noch verstörender sein könnte, nach dem Motto: „Hey, könntest du mir vielleicht keine Luftküsse geben, das wäre großartig.“
Illustration: Louisa Cannell.
Stattdessen schlägt die Expertin vor, dem anderen vorsorglich die Hand entgegen zu strecken, ehe eine Umarmung auch nur angedeutet werden könnte. Oder, sollte der andere die Arme bereits zur Umarmung ausgestreckt haben, sich nur so weit vorzubeugen, dass die Wangen sich gar nicht erst berühren. So entstünde direkt eine natürlich Barriere, die Wangen- und Luftküssen vorbeugt.

Und was, wenn ich dem anderen bei der Begrüßung durchaus körperlich nahe kommen möchte? Wangenküsse sind da die sicherere Bank. Luftküsse sind nämlich ein bisschen schwierig, wenn die andere Person nicht daran gewöhnt ist. Wenn du allerdings mit einer Gruppe unterwegs bist (z.B. den Freundinnen deiner Mutter), die das Luftküssen seit Jahren praktizieren, ist das gar kein Problem. Du musst dich einfach immer auf dein Gegenüber einstellen - und wenn du zur Umarmung, zu Wangen- oder Luftküssen ansetzt und der andere dir ausweicht, solltest du dies auch so hinnehmen.

„Viele Leute sind einfach so sehr daran gewöhnt, sich zur Begrüßung und zum Abschied zu umarmen, dass sie das ganz automatisch tun“, erklärt Lizzie. Es heißt allerdings nicht, dass deine sozialen Interaktionen für immer verdammt sind, wenn du das selbst nicht als natürlich empfindest. „Eine gute Verabschiedung muss nicht immer eine Berührung beinhalten“, so Post. Ein einfacher Handschlag oder ein Winken, wird dem anderen zu verstehen geben, dass du nicht der Typ für Umarmungen bist, ohne dass man dich für unhöflich halten wird.
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