Netflix ist der Gewinner der 75. Filmfestspiele von Venedig

Foto: Getty Images/ Andreas Rentz
Netflix am Lido! In Cannes scheint man den Braten schon gerochen zu haben und hat Filmproduktionen von Streamingdiensten vorsorglich die Teilnahme am Wettbewerb untersagt. Bei den 75. Internationalen Filmfestspielen von Venedig stand man dieser Entwicklung etwas aufgeschlossener gegenüber und so konnte am Wochenende der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón den Goldenen Löwen für seine Netflix-Produktion Roma entgegennehmen.
Cuarón ist in der Filmwelt kein neuer Name und auch mit Gold kennt sich der Südamerikaner bestens aus. 2014 erhielt der Regisseur zwei Oscars für seinen Weltraum-Thriller Gravity (den du dir übrigens niemals im Flugzeug anschauen solltest!). Das komplett in schwarz-weiß gedrehte Roma soll eine Hommage sein an die Frauen, die ihn großzogen, so Cuarón. Das Drama spielt in den Siebzigerjahren in Mexiko-Stadt und beschreibt bildgewaltig, mitreißend und nachhallend die Geschichte einer Familie, während der Fokus auf die Haus- und Kindermädchen liegt.
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Die Filmfestspiele von Venedig sind das älteste Filmfestival der Welt und gelten als verlässlicher Indikator für die wenige Monate später stattfindenden Oscar-Verleihungen. Es ist das erste Mal, dass eine Netflix-Produktion einen Goldenen Löwen gewinnt. Das hat der noch sehr in alten Strukturen festgefahrenen Filmindustrie nach #metoo und #whywewearblack wieder Stoff für Diskussionen gegeben.

Nur ein Film des Wettbewerbs stammte von einer Frau

Noch immer beherrschen große Studios und Männer die Branche. Auch in Venedig sucht man Teilnehmerinnen für den Wettbewerb noch immer fast vergeblich. Lediglich ein Film, der bei den diesjährigen Filmfestspielen im Wettbewerb lief, stammte von einer Frau.
The Nightingale der australischen Regisseurin Jennifer Kent hat denn auch die Frau als Minderheit zum Thema. Der Sidekick der sich im Australien des 19. Jahrhunderts auf einem Rachefeldzug befindlichen Hauptdarstellerin Clare ist der australische Ureinwohner Billy. Misshandelt, vergewaltigt und unterdrückt von den britischen Kolonialherren – da kommen doch unweigerlich Referenzbilder zum Heute hoch. Vielleicht wurde Kent deswegen von einem anwesenden Kritiker als „Hure“ beschimpft. Der Special Price der Jury hat sie über diese Schmähung hoffentlich ansatzweise hinweggetröstet.
Doch zurück zum Gold- und Silberregen der Filmfestspiele. Die (übrigens mehrheitlich aus Frauen bestehende) Jury um die sympathische Naomi Watts, den genialen Guillermo del Toro und den „ach, wäre er doch Deutscher“-Lieblingsschauspieler der Deutschen, Christoph Waltz, verteilte schließlich noch einige andere wichtige Preise.
Der Große Preis der Jury, zweitwichtigste Auszeichnung in Venedig, ging an den griechisch-stämmigen Filmemacher Yorgos Lanthimos für seinen Historienfilm The Favourite. Der Film zeichnet die Intrigen und gefährlichen Spielereien am britischen Königshof einer gebrochenen und gequälten Königin Anne nach. Diese wird so eindringlich von Olivia Colman verkörpert, dass die britische Schauspielerin direkt noch den Coppa Volpi als beste Hauptdarstellerin einstecken konnte.
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Der Preis für den besten männlichen Hauptdarsteller ging an einen alten und an Filmpreisen nicht armen Bekannten: Willem Dafoe wurde für seine Rolle des Vincent van Gogh in Julian Schnabels Film At Eternity's Gate ausgezeichnet und es verwundert nicht, dass der amerikanische Charakter-Darsteller den holländischen Impressionisten gar nicht mal so verrückt findet.

Der deutsche Beitrag ging leer aus

The Sisters Brothers, ein Western des französischen Regisseurs Jacques Audiard, wurde von der Jury mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie ausgezeichnet. Die von mir sehr geliebten Brüder Ethan und Joel Cohen bekamen den Preis für das beste Drehbuch für ihren (ebenfalls) Western The Ballad of Buster Scruggs – übrigens ebenfalls eine Netflix-Produktion. Der deutsche Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck, der uns mit Das Leben der Anderen erst alle vom Sessel pustete und uns mit The Tourist in selbigem einschlafen ließ, ging mit seinem vorab sehr gelobten Film Werk ohne Autor dieses Jahr leer aus. Drücken wir eben für die Oscars noch mal die Däumchen.
So elitäre Veranstaltungen wie die Filmfestspiele in Cannes, Venedig und auch Berlin können meiner Meinung nach ein wenig frischen Wind sehr gut vertragen. Natürlich sind Streamingdienste nicht unbedingt die Sympathieträger der Branche. Niemand würde Spoitfy oder Napster zu den Grammys einladen. Ich denke aber, dass der Trick ist, gemeinsam zu arbeiten und nicht gegeneinander. Die Bereitschaft zu Risiko und das Offensein für innovative und auf den ersten Blick unpopuläre Filmideen und -konzepte zeichnen Netflix und auch Amazon als Produktionsfirmen aus – wie man sieht mit Erfolg.
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Die Trailer der Gewinnerfilme der 75. Filmfestspiele von Venedig für euch!

Roma – Goldener Löwe für Bester Film
The Favourite – Silberner Löwe / Der Große Preis der Jury & Coppa Volpi für Beste Hauptdarstellerin Olivia Colman
The Sisters Brothers – Silberner Löwe für Beste Regie
At Eternity's Gate – Coppa Volpi für Bester Hauptdarsteller Willem Dafoe
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