KOTD: Warum ein Shirt der beste Eisbrecher ist, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen

Diaspora [diˈaspoʀa], Di|as|po|ra, aus dem Griechischen diasporá = das Zerstreuen, Zerstreuung: Gebiet, in dem eine konfessionelle, nationale, kulturelle oder ethnische Minderheit lebt/in der Diaspora lebende konfessionelle oder nationale Minderheit.
Kids Of The Diaspora in drei Worten, frage ich: „We Are One“, sagt Gründerin Leni Charles. Auf Deutsch lasse sich das etwas schwieriger zusammenfassen, und doch fallen im Nachgang Worte wie Zugehörigkeit, Identität und Gefühl.
Als ich die Shirts von Kids Of The Diaspora zum ersten Mal sah, packte mich auch ein Gefühl, ganz unmittelbar im Herzen. Das schafft ein dezentes weißes T-Shirt ziemlich selten, aber ich fühlte mich von dem schwarzen Fraktur-Schriftzug sofort abgeholt: Ein Kind der Diaspora – das trifft meinen Kern ziemlich auf den Punkt. Der Begriff der Diaspora hatte für mich persönlich schon immer eine große Bedeutung, ganz einfach deshalb, weil meine Eltern aus zwei unterschiedlichen Ländern stammen, ich in einem dritten geboren bin und meine Verwandte auf mehr als zehn weiteren Ländern verteilt sind.
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Foto: Maxwell Odero.
Ich versuche es mal bildlich auszudrücken: Wenn ich ein Baum wäre, dann würden meine Wurzeln aus all diesen Ländern zusammenlaufen und in Berlin den Stamm bilden. „Our roots run deep“, steht passenderweise auf dem Rücken der weißen KOTD-Shirts: „Unsere Wurzeln liegen tief“.
Schon die Schrift ist ein Statement für sich. Die gebrochenen Lettern haben „eine starke Persönlichkeit“, erzählte Leni mal im Interview mit Freshzine. „Die Fraktur wurde 1941 als Normschrift verbannt, da sie als ‚Judenletter‘ kategorisiert wurde. Sie hat eine starke Energie, die jetzt auch wieder in der Popkultur Anklang findet.“
Die Mode von KOTD sei „movement clothing“, sie soll „Menschen auf eine friedvolle Art und Weise näher zusammenführen“, schreibt mir Leni. „Sie soll daran erinnern, dass wir Kids Of The Diaspora alle etwas gemeinsam haben, egal wo unsere Wurzeln liegen. Und so ein bisschen Multikulti hat noch niemandem geschadet.“
Aufgewachsen ist Leni in einem Wiener Vorort als Tochter einer österreichisch-tschechischen Mutter und eines nigerianischen Vaters – dort gab es dieses Multikulti allerdings weniger. „Wenn mein Vater meine Mutter besucht hat, haben die Nachbarn die Polizei gerufen, um ‚dunkle Gestalten‘ in der Wohngegend zu melden“, sagt Leni über die Zeit, bevor sie mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester in die Stadt zog.
Foto: Leni Charles.
Dort lernte sie dann endlich Leute kennen, zu denen sie mehr Bezug hatte. „Alles coole Wiener mit Wurzeln in Ghana, Kamerun, Karibik, Iran, Türkei, Indien, Nigeria, Kroatien, Polen, Russland, Philippinen, China“, erinnert sie sich. „Manche mussten abends früh nach Hause, weil sie strenge Eltern hatten. Andere haben die Nacht zum Tag gemacht und so getan, als hätten sie gar keine Eltern. Wir waren alle von Grund auf verschieden, aber uns verband dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit. Etwas Unausgesprochenes, aber sehr Tiefes.“
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Foto: Toni Lang.
Leni hatte sich bereits selbstständig gemacht und mit einem Kollegen die Kreativagentur „studiounlabeled“ gegründet. Letztes Jahr erreichte sie dann ein Angebot für eine erste kleine „Leni Charles“-Kollektion im Rahmen eines Wettbewerbs. Auf der Suche nach Inspiration ging die studierte Grafikdesignerin in sich und stieß auf die frühsten, prägendsten Erinnerungen ihrer Kindheit. „Damals wollte ich einfach dazugehören und nicht wegen meines Aussehens ausgegrenzt werden. Diese emotionale Last aus meiner Kindheit hat für ein ganz eigenes Gefühl in mir gesorgt und dazu beigetragen, wer ich jetzt bin und wie ich mich jetzt fühle.“
„Als ich den Prototyp des Shirts angezogen und gepostet habe, habe ich so viel Liebe und Empathie von anderen Menschen bekommen! Da habe ich gemerkt, dass das nichts mehr mit einem Wettbewerb zu tun hat – das hier ist meine Lebensaufgabe. Sie hat mich gefunden. Ich bin der festen Überzeugung, dass alles aus einem bestimmten Grund passiert. Auch Kids Of The Diaspora.“ Jede einzelne positive Reaktion auf KOTD sei es wert, sich dieser Aufgabe weiterhin zu widmen und das Projekt auch in andere Disziplinen auszuweiten und zu vertiefen, meint Leni.
Die Mode als erstes Medium zu wählen, lag für die Gründerin nah: „Ein weißes Shirt birgt für mich sehr viel Potenzial für Symbolik und ständige Entwicklung“, sagt sie und ergänzt auf die Frage, ob Mode per se politisch sei: „Wenn Mode, oder genauer gesagt Kleidung als Kunst interpretiert werden kann, dann ist es unvermeidbar, dass man politisiert.“ Kunst und Mode seien intuitiv und „Gefühle sind zwar manchmal nicht gesellschaftspolitisch korrekt, aber sie können zu Lösungsvorschlägen anregen.“
Außerdem erzählt sie, dass sie bereits an der Ausweitung der Initiative arbeiten. Es wird eine Doku geben und „ein paar noch unveröffentlichte Projekte, die wir gerade noch als ‚Poetic Tales‘ zusammenfassen. Mein Kopf ist voller Ideen, die ich alle umsetzen werde.“ Aber auch die Modekollektion wird noch ausgebaut: Auf vereinzelten Bildern der Brand Ambassadors sind bereits Caps und Socken zu sehen, der Trend der Diaspora-Kinder ist nicht mehr aufzuhalten. Auch die Sängerinnen Joy Denalane und LARY, Influencerin Masha Sedgwick, sowie der New Yorker Lifestyleblogger von Street Etiquette und Initiator der Stockfotoserie TONL, Joshua Kissi sind schon unter die KOTD Botschafter*innen gegangen.
Die Kinder der Diaspora verbreiten sich wie ein kleines Lauffeuer auf der ganzen Welt. Aber: „Durchs Reden kommen'd Leit z’samm, sagt man so schön im Wienerischen“, erzählt Leni noch. Und ich kann das bestätigen: Jedes Mal, wenn ich mein „Kids Of The Diaspora“-Shirt trage, habe ich ein bisschen das Gefühl, ich hätte Superkräfte und es hat schon einige Male ziemlich gut als Eisbrecher funktioniert, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen. Wenn es nach mir ginge, sollte also wirklich jede*r so ein Shirt im Schrank haben.
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