Kindheit mit Hartz IV: "In der Schule fragten sie mich, wie ich so leben kann"

Dieser Artikel erschien zuerst bei Huffington Post 
Agatha Kremplewski wurde als Kind polnischer Einwanderer in Deutschland geboren. Ihre Eltern hielten sich meist mit Jobs im Niedriglohnsektor oder Sozialhilfe über Wasser, später bezogen sie Hartz IV. Als arm empfunden hat Kremplewski sich eigentlich nicht – bis die anderen Kinder in der Schule anfingen, sie wegen ihrer finanziellen Situation zu hänseln.
Wahrscheinlich hat das jeder in seiner Kindheit oder Teenie-Zeit mal erlebt: Wer auch nur leicht von der Norm abweicht, macht sich schnell zur Zielscheibe von Sticheleien. Bei uns in der Schule wurde zum Beispiel über die Pokémon-Fans hinter vorgehaltener Hand gekichert. Ein Klassenkamerad von mir wurde immer angeekelt bis mitleidig angestarrt, weil ihn die Pubertät mir einer besonders ausgeprägten Akne hart getroffen hat.
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Als Kind von Hartz-IV-Empfängern fiel ich in der Schule auf

Ich wiederum fiel vor allem deswegen auf, weil ich mir unsere Klassenausflüge oder die fancy Adidas-Schuhe, die alle trugen, nicht leisten konnte – denn meine Eltern waren über große Teile meiner Kindheit hinweg arbeitslos und Geld war dementsprechend immer knapp.
Meine Eltern kamen in den 80er-Jahren aus Polen nach Deutschland, um hier ihr Glück zu suchen – sie haben es nur teilweise gefunden: Meist hielten sie sich mit Jobs wie Zeitungen austragen oder Putzen über Wasser, oft jedoch auch mit Sozialhilfe und später Hartz IV.
Mir machte unsere finanzielle Lage eigentlich nichts aus. Ich hatte nicht den Eindruck, dass es uns an etwas fehlen würde.
Für mich war es normal, dass wir zu dritt in einer 50-Quadratmeter-Wohnung lebten. Oder dass meine Geburtstage oder Weihnachten immer möglichst unaufwendig gefeiert wurden. Oder dass wir, wenn wir überhaupt in den Urlaub fuhren, irgendwo in den Bergen auf einem Campingplatz unser Zelt aufschlugen, anstatt uns im Resort am Hotelpool zu räkeln.

Am schlimmsten waren die Reaktionen der anderen Kinder

Als schlimmer empfand ich die Reaktionen der anderen Kinder – das ständige Mit-dem-Finger-zeigen: “Guck mal, die Agatha hat ja nur Schuhe von Deichmann!” Oder: “Boah, du hast ja voll das Aldi-Fahrrad!” (“Das ist von Rewe!”, dachte ich empört).
Am tiefsten getroffen war ich, glaube ich, als meine Eltern und ich in eine größere Wohnung zogen, als ich elf Jahre alt war. Die Wohnung befand sich mitten im Stadtzentrum, genau über einer Pommesbude (was ich übrigens als extremen Luxus empfand).
Im ersten Stock wohnte ein Koreaner mit Karaoke-Maschine, die er regelmäßig lautstark benutzte. Im zweiten Stock lebte ein tauber Pianist, der sich trotz Handicap von seinem Hobby nicht abbringen ließ. Im dritten Stock waren wir.
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Kinderarmut in Deutschland

► Derzeit beziehen etwa 4,2 Millionen Menschen in Deutschland Hartz IV.
► Laut der Bundesagentur für Arbeit wachsen fast zwei Millionen unter 18-Jährige mit Hartz IV auf.
► Die “World Vision Kinderstudie” zeigt, dass soziale Herkunft über die Bildungschancen bestimmt: Nur nur zwei beziehungsweise fünf Prozent der Kinder aus der unteren Schicht und unteren Mittelschicht besuchen ein Gymnasium.
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Mit 70 Quadratmetern war unsere neue Wohnung deutlich größer – endlich hatte ich auch mein eigenes Zimmer und konnte Besuch einladen. Der ließ auch nicht lange auf sich warten.
Die Klassenkameradin, die eines Nachmittags nach der Schule vorbeikam, war weder von der tollen Lage noch von der nie endenden Pommesquelle beeindruckt. Sie fand unsere Wohnung schlimm: “Wie könnt ihr nur hier leben?”
Klar, gegen ihr zweistöckiges Einfamilienhaus in einem Düsseldorfer Vorort kam unsere Wohnung natürlich nicht an.

Ich lernte: Man ist so arm, wie man sich fühlt

Damals lernte ich: Man fühlt sich erst arm, wenn die anderen einen als arm darstellen – und daran ist vor allem schlimm, dass man sich als Außenseiter fühlt. Ich begann, mich zu schämen, weil wir weniger Geld hatten.
Ich habe versucht, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich die Kommentare meiner Mitschüler einschüchterten. Stattdessen versuchte ich lieber, neben der Schule zu jobben, um mir so ein wenig Taschengeld hinzuzuverdienen und zum Haushalt beizutragen.
Von meiner Kindheit in einem Haushalt, der zwischenzeitlich von Sozialhilfe und Hartz IV abhängig war, habe ich vor allem gelernt, meine Ansprüche zu senken.
Die Zeiten, in denen ich regelmäßig mit meinen Eltern (und später auch alleine noch) zum Arbeitsamt und Jobcenter gehen musste, sind glücklicherweise vorbei.
Vergessen werde ich allerdings nicht, mit wie wenig man eigentlich auskommen kann. Wenn die anderen einen lassen.
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