Ein Plädoyer für mehr Liebe: Wäre Die Bachelorette doch etwas mehr wie in den USA

Foto: MG RTL D / Arya Shirazi
Bevor es so richtig romantisch werden kann, muss es erstmal so richtig peinlich werden. Nach diesem Mantra scheint zumindest die Redaktionsleitung von RTL zu leben. Die Bachelorette musste, bevor es am kommenden Mittwoch mit der Top 3 auf die Einzel-Dreamdates geht, die Familien der letzten vier „Interessenten“ kennenlernen. Wieso? Na, weil es super unangenehm, aber genau aus diesem Grund auch so unglaublich unterhaltsam ist. Die Hälfte der Männer hatte zuvor nicht mal ein Einzeldate mit Bachelorette Nadine Klein. Nur die Kombi aus Nadine und Alex macht mir immer wieder ein wohliges Gefühl im Bauch. Im Fall von Maxim wird im mit riesigem Familienfoto dekorierten Esszimmer des Bruders zusammen gegessen. Daniel... Daniel ignoriere ich jetzt einfach, weil der schon längst hätte raus sein müssen – das weiß ich, das weiß Nadine, das weiß tief im Inneren auch RTL, denn er ist nicht einmal gut fürs Storytelling. Und Filip findet sich plötzlich mit ihr und einem Kamerateam im eigenen Kinderzimmer wieder – unter einem Proteinpulver-Regal.
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Filips Vorbereitungs-Telefonat mit seiner Familie müsste in etwa so abgelaufen sein: „Mama, Papa, das Fernsehen kommt. Dann lernt ihr Nadine kennen, die habe ich zwar noch nicht geküsst, war noch nie mit ihr alleine und sie datet außer mir noch drei weitere Kandidaten. Einen davon wird sie wahrscheinlich heiraten, der heißt Alex, aber daran ist nix komisch. Ich fliege diese oder nächste Woche raus, aber auch das ist okay so – immerhin habe ich jetzt über 10.000 Follower auf Instagram und kann dort für Proteinshakes werben, reich und berühmt werden und endlich aus meinem Kinderzimmer ausziehen. Cool, freu mich, ciao!“ Great News!

Die USA sind in vielem schlechter als Deutschland, aber sie machen besseres Fernsehen!

Wer mit dem Originalformat aus den USA vertraut ist, weiß, dass The Bachelor und The Bachelorette dort in eine ganz andere Kategorie Fernsehen fallen als in Deutschland. Dank Millionenbudget wird hier produziert, was das Zeug hält, und nach 22, beziehungsweise 14 Staffeln Erfahrung nichts mehr dem Zufall überlassen – vor allem nicht die Romantik. Die sucht Nadine beim Grilldate mit Filip vergeblich. „Riech' ich eigentlich nach Knoblauch?“, fragt er später, lässig auf seinem 2x2 Meter-Bett liegend, und steckt ihr kurze Zeit später seine Zunge in den Hals. Lecker, eben haben sie noch zu fünft den Kilopott Zaziki leergemacht. Maxim macht sein Date maximal unangenehm, indem er sich als Gentleman, „jedoch nur außerhalb des Schlafzimmers“ outet und dabei nicht aufhören kann, Nadine anzustarren. Irgendwie ist er steif – fühlt sich in der Situation womöglich genauso unwohl wie ich beim Zuschauen vor dem Laptop. Augen zu und durch, denken wir beide. Vielleicht wird es ihm wieder besser gehen, wenn er in ein paar Monaten bei „Bachelor in Paradise“ mitmachen darf.
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RTL: Bitte packt den Trash zu BIP und lasst mehr Liebe ins Original!

Deutschland hat das Insel-Abeleger-Format übernommen; eine der besten Entscheidungen überhaupt, wie ich finde. Hier wird kein Hehl darum gemacht, dass das Motto Trash ist. Dass hier jemand seine*n Seelenverwandte findet, ist nicht die Grundannahme. Ausgegangen wird nur von der Ausstrahlung von Intrigen, Streit und Tränen, denn es sind die unterhaltsamsten und beliebtesten Kandidat*innen beider Shows, die hier noch einmal vor die Kamera dürfen und einander daten sollen. In den USA sind selbst daraus bereits zig Verlobungen, vier Hochzeiten und zwei BIP-Babys entstanden. Deutschland hat das Paar Johannes (aktuell im „Promi Big Brother“-Container) und Yeliz erhalten, das sich auf der Insel zwar nicht mit dem Arsch angeguckt hat, sich draußen aber plötzlich ineinander verliebte und kurz darauf eine eigene Klamottenmarke namens „Mr. & Mrs. Rose“ gründete. Wenn das jetzt wertend klingt, möchte ich mich dafür nicht entschuldigen. Ob bei BIP echte Liebe entsteht oder ein Liter Milch in Hamburg umfällt, ist mir ähnlich wichtig. Ich frage mich nur: Können Die Bachelorette und Der Bachelor jetzt, wo es eine Peinlichkeit-Garantie auf der Single-Insel gibt, nicht ein bisschen Trash gegen ein bisschen mehr Liebe eintauschen?
In den Staaten glaubt der Großteil des Millionenpublikums tatsächlich noch an die Liebe im Bachelor-Franchise! Und das zu Recht, schließlich sind etwa 20 Prozent der Paare noch zusammen, einige von ihnen haben sogar geheiratet und gemeinsame Kinder. Zum Affen machen müssen sich die Teilnehmer*innen natürlich auch – bis zu den Homedates. Ab da wird es ernst. Es gehen viel mehr Folgen und One-on-Ones ins Land, bis die Top 4 in ihre Städte einladen. Das schafft ein bisschen Vertrautheit und die Treffen werden dadurch weniger unangenehm. Zuerst wird die Stadt zu zweit entdeckt, erst dann die Türen zu den Elternhäusern geöffnet, zusammen gegessen und sich über die potenzielle Zukunft des jeweiligen Paares unterhalten. Gut, im Finale werden auch Heiratsanträge gemacht, das ist natürlich lächerlich und würde auf RTL niemals funktionieren, aber wie wäre es mit einem Bachelor*ette-Vibe irgendwo zwischen Herzblatt und Naked Attraction?
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Nadine und Alex müssen beweisen, dass es noch um die Liebe geht

Die Bilanz in Deutschland sieht etwas anders aus: Clea-Lacy und Sebastian sind die einzig Noch-Verliebten. Das dachte ich zumindest, bis ich recherchierte. Leider musste ich ernüchternd feststellen, dass sich mit ihrer noch frischen Trennung eine dicke Fette Null ans Ende der Bachelor*ette-Gleichung gestellt hat. Das ist doch scheiße! Kein Paar hat es geschafft, keine Liebe gehalten? Was ist also das Ziel von Der Bachelor und Die Bachelorette? Geld, klar. Unterhaltung, klar. Liebe? Fehlanzeige. RTL sollte aufpassen, dass es seine Erfolgsformate nicht ins Abseits produziert. Meine Tipps: Zeigt bitte mehr Menschlichkeit, mehr Nähe, längere Gespräche und weniger Peinlichkeiten. Wieso kann sich der Tonus der Sendung nicht irgendwann ändern und ernsthafter werden? Wieso spricht Nadine bei ihren Dates nicht über das Leben nach der Show oder wieso zeigt ihr es nicht, wenn sie es tut? Ist das Ziel jetzt die Unterhaltung der Zuschauer*innen oder darf es in den finalen Folgen vielleicht auch um die Findung einer echten Connection gehen? Denn das, was ich am vergangenen Mittwoch bei Alex zu Hause zu sehen bekam, machte mir Lust auf mehr Romantik. Insgeheim bekomme nämlich selbst ich, als großer Trash-Fan, Lust auf intime Gespräche, lange Blicke, zärtliche Küsse, Luftwegbleiben und Schmetterlinge. Und vor allem wünsche ich mir endlich mal wieder ein Pärchen, das sich wirklich ineinander verliebt. Damit ich wieder daran glauben kann, dass selbst in einer Scripted-Reality-Sendung noch Dinge passieren, die reale Auswirkungen haben. Damit wir hier bald nicht wirklich alle im völligen Zynismus versinken müssen, nur weil wir in einer Zeit leben, in der ein paar Tausend Instagram-Follower, einem den Lebensunterhalt sichern können. Damit Liebe zumindest im Fernsehen wieder wichtiger ist als Fame, der schneller verpufft, als so ein dämliches Homedate andauert. Liebe, Liebe, Liebe, Liebe!
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