Adut Akech: „Alles, wofür ich früher gemobbt wurde, liebe ich jetzt“

Photo: Victor VIRGILE/Gamma-Rapho/Getty Images.
Spätestens als ich Adut Akech in Valentinos “Born in Roma“-Parfümkampagne in einer bodenlangen gelben Robe durch die Straßen Italiens tanzen sah, wurde ich zum Fan. Ihre unbeschwerte Art und Weise sich zu bewegen und ihr natürliches Lächeln verzauberten mich.
„Bei diesem Video konnte ich ich selbst sein und das fand ich toll. Ich bin nicht die beste Tänzerin, um ehrlich zu sein, aber ich liebe Musik, also tanzte ich einfach drauf los“, erzählt Akech, als ich sie in New York treffe. Sie ist zwar schon für Größen wie Chanel, Givenchy und Fendi über den Runway gelaufen, aber der Videodreh, bei dem sie zusammen mit Anwar Hadid in Rom vor der Kamera stand, war etwas ganz Besonderes für sie; es war ihre erste Beauty-Kampagne.
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Auch wenn Akech heute zu den Favoriten vieler Designer*innen zählt, waren die Erfahrungen, die die sudanesische Geflüchtete nach ihrer Ankunft in Australien machte, nicht unbedingt positiv. Tatsächlich waren sie sogar dadurch gekennzeichnet, dass sie oft gehänselt oder rassistisch beleidigt wurde – wegen ihrer Zahnlücke, ihrer Größe und ihrer Hautfarbe. Doch genau diese Dinge sind es, durch die sie jetzt bei Castings aus der Masse heraussticht. „Ich bin froh, dass ich mir von niemanden irgendetwas habe einreden lassen. Denn alles, wofür ich früher gemobbt wurde, liebe ich jetzt sehr an mir“, so Akech.
Im Folgenden verrät die 19-Jährige ihre tägliche Beauty-Routine, mit der sie ihre sensible Haut im Griff hält. Sie erzählt von Düften, die sie an ihre Kindheit erinnern und einem Make-up-Trend, den sie nie wieder mitmachen würde.
Refinery29: Gerüche wecken in uns oft Erinnerungen. Gibt es einen Duft, den du mit deiner Kindheit verbindest?
Adut Akech: „Es gibt einen traditionellen, selbst gemachten, [sudanesischen] Weihrauch, der aus kleinen Holzstücken und Zucker gemacht wird. Das Ganze wird mit Duftstoffen und Gewürzen aufgekocht und wenn du damit fertig bist, duftet es im ganzen Haus. Dann zündest du Kohle an und legst sie oben drauf. Und dann entsteht dieser unglaubliche Geruch, mit dem ich aufgewachsen bin. Jedes Mal, wenn ich nach Hause komme, ist es genau dieser Duft, der mich an meine Familie erinnert.“
In deinem Job trägst du oft sehr glamouröses Make-up. Wie sieht deine Make-up-Routine aus an Tagen, an denen du nicht arbeiten musst?
„Meistens fülle ich einfach nur meine Augenbrauen auf, trage Lippenstift auf und verwende Mascara. Das war's. Wenn du etwas jeden einzelnen Tag deines Lebens machst, hast du irgendwann keinen Bock mehr darauf. Aber als ich jünger war, habe ich es geliebt, mich zu schminken. Ich habe das Haus nie ungeschminkt verlassen. Wenn ich mir jetzt die Fotos von früher anschaue, denke ich nur: ‚Was hab ich mir dabei gedacht? Meine Augenbrauen sehen aus wie Raupen! Ich habe immer den dunkelsten Augenbrauenstift benutzt – warum hat mich niemand davon abgehalten?‘.“
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Letztes Jahr hast du ein Video mit Vogue gemacht, in dem du deine 5-minütige Pflegeroutine teilst. Ist deine Routine immer noch so simpel? Was sind deine aktuellen Lieblingsprodukte?
„Im Moment verwende ich den Darker Skin Tones Enzyme Cleanser von Dr. Barbara Sturm. Ich habe sehr sensible Haut und in der Minute, in der ein Produkt meine Haut berührt, reagiere ich darauf. 24/7 Make-up zu tragen, macht die Sache auch nicht gerade besser. Mittlerweile weiß ich aber, was ich vertrage und was nicht – und das sage ich auch. Manche finden das nicht cool, aber am Ende ist es meine Haut. Ich muss mit gereizter Haut rumlaufen, nicht die Make-up-Artists. Und ich bin auch diejenige, die sich unsicher und unwohl in ihrer Haut fühlt, wenn sie nicht gut aussieht. Deswegen nehme ich zum Beispiel zu Fashion-Week-Veranstaltungen immer meine eigene Creme, Cleanser und Foundation mit, um auf der sicheren Seite zu sein.“
Auf Instagram bist du oft zusammen mit deiner jüngeren Schwester zu sehen und bei einem Fotoshooting für die Vogue Australia hast du letzten Dezember mit deiner kompletten Family vor der Kamera gestanden. Welche Ratschläge würdest du jüngeren Geschwistern geben?
„Ich sage ihnen immer, dass sie hart arbeiten und sich etwas suchen sollen, worauf sie wirklich Lust haben. Sie sollten sich von niemandem aufhalten lassen. Ich versuche, sie immer zu unterstützen, weil ich damals, als ich mit 13 Model werden wollte, nicht so viel Unterstützung von meiner Familie bekommen habe – abgesehen von meiner Mutter. Direkte Familienangehörige zweifelten an mir. Ich will nicht, dass meine Geschwister die gleichen Erfahrungen machen müssen.“
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Du bist zusammen mit deiner Familie nach Australien geflüchtet, als du noch ein kleines Mädchen warst. Welchen Problemen musstest du dich stellen und inwiefern haben diese dazu beigetragen, dass du zu der Person geworden bist, die heute hier vor mir sitzt?
„Ich wurde mit Rassismus und Mobbing konfrontiert. Ich wollte den Menschen helfen zu verstehen, wie es ist, eine Geflüchtete zu sein. Wir sind wie alle anderen; der einzige Unterschied ist, dass wir dazu gezwungen wurden, unsere Heimat und unsere Häuser zu verlassen – wir sind nicht freiwillig gegangen, sondern aus Angst. Du wachst nicht eines Tages auf und entscheidest spontan: ‚Heute flüchte ich und ziehe in ein Refugee Camp‘. Ich wünsche mir, dass sich in den Schulen etwas ändert und den Kindern beigebracht wird, niemanden zu mobben, nur weil er oder sie ein*e Geflüchtete*r ist.“
Du hast auf Instagram sehr offen über deine mentale Gesundheit gesprochen und von deiner Angststörung und deiner Depression erzählt. Wie schaffst du es, positiv zu bleiben – besonders in einer Branche, die extrem stressig ist und den Fokus stark auf Äußerlichkeiten legt?
„Ich rufe mir immer wieder ins Gedächtnis, warum ich das alles mache. Das hilft mir dabei, zu meine Unsicherheiten wegen meiner schlechten Haut zu vergessen. Ich arbeite als Model, weil ich es liebe und weil ich dafür eine Leidenschaft habe. Ich führe zwei verschiedene Leben: Mein Arbeits- und mein normales Leben. Manchmal ist mir mein normales Leben zu hektisch und dann ist es schön, sich in die Arbeit stürzen zu können und alles andere zu vergessen. Mein Job ist irgendwie auch mein Ausweg. Ich mache ihn für mich und für die Zukunft meiner Familie.“
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