Bis dass der Tod uns scheidet: Eine Ode an mein Lieblingskleid

Die Besitzerin der Änderungsschneiderei bei mir um die Ecke wirft mir mal wieder diesen einen bestimmten Blick zu. Dann schüttelt sie den Kopf und seufzt. An diesem Punkt waren wir schon mal; die lange Pause, die Missbilligung – all das kenne ich nur zu gut. Es begann, als ich mein Lieblingskleid zum zweiten Mal wegen eines Löchleins vorbeibrachte. Es ist ein langärmeliger, kurzer Baumwolltraum, den ich 2012 gekauft habe. Heute war ich zum fünften Mal hier. Wegen einem Riss an der Schulter, der ein klitzekleines bisschen größer war, als die vorherigen es waren. (In diesen Momenten könnte ich mir immer in den Arsch beißen, dass ich im Werkunterricht damals nicht besser aufgepasst und den Kissenbezug selbst fertig genäht habe, statt ihn meiner Mutter zu geben.) Die Schneiderin drängt mich, loszulassen, mich vom Kleid zu verabschieden und es zu entsorgen. Aber bis auf den Riss (und die vier alten Narben) ist es in perfektem Zustand: keine Flecken, keine offenen Nähte. Wenn Marie Kondo jetzt da wäre, würde sie mich bestimmt fragen: „Bringt dir das Kleid Freude?“ und ich würde antworten: „Aber sowas von!“ Schließlich nimmt die Besitzerin mein Kleid dann doch entgegen und beendet damit die eindringliche Konversation, die wir gerade mit unseren Blicken geführt hatten. Sie nimmt ein Stück rotes Klebeband und markiert damit den Makel. Ich soll Freitag Abend wieder herkommen, sagt sie. Mein Kleid wird es überleben.
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Mit meinem Schuhmacher führe ich solche Unterhaltungen nie – und das, obwohl es jetzt schon das siebte Jahr in Folge ist, in dem ich ihm vor Beginn der neuen Saison meine Stiefel zur Generalüberholung vorbeibringe. Ob das daran liegt, dass sie von Prada sind? Und auch als ich die Henkel meiner uralten Burberry-Tote-Bag ersetzen lassen musste, begegnete man mir nicht mit diesen herablassenden Blicken. Mit meinem Kleid scheine ich dagegen an die gemeinhin akzeptierten Grenzen der Modereparatur zu kommen.
Du fragst dich, was genau der Grund dafür ist, dass ich mich einfach nicht von diesem Kleid trennen kann? Was macht es so besonders? Na ja also es handelt sich um ein Baumwollkleid von A.P.C., das ich vor fast zehn Jahren für 45 Euro bei einem Sample Sale in Brooklyn gekauft habe. Damals habe ich drei A.P.C.-Kleider erstanden und ich besitze und trage immer noch alle. Doch das, was ich am meisten liebe, ist das, was ich gerade wieder bei meiner Näherin abgegeben habe. So oft wie ich es trage (ich ziehe es im Frühling, im Herbst und im Winter an), ist es auch kein Wunder, dass es ab und zu mal repariert werden muss. Der Schnitt des Kleides und die Höhe des Saums funktionieren einfach extrem gut bei meiner Figur. Das feine Muster aus schmalen roten, weißen und braunen Streifen erinnert sanft an Gingham. Der klassische Rundhalsausschnitt mit dem Tropfenausschnitt und dem kleinen Knopfverschluss im Nacken sowie die langen, ganz leicht gepufften Ärmel sind zum Verlieben. Die drei gesmokten Partien über der Brust sowie die Abnäher an der Taille sorgen für einen Hauch Prairie-Dress-Flair. Sie unterbrechen es gekonnt und betonen dadurch genau die richtigen Stellen. Über dem Saum sorgen drei horizontale Nähte für den perfekten Abschluss des perfekten Kleides, das sowohl mit einer Jeansjacke als auch mit einem Cardigan oder einem Wollmantel grandios aussieht. Und es hat Taschen. Mic Drop.
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Als ich das Kleid gekauft habe, war ich eine Mutter mit drei kleinen Kindern, die versuchte, ihren Groove wiederzufinden. Ich trug es bei den Playdates der Kinder, an gemütlichen Abenden bei Freund*innen und an endlosen Elternabenden. Und dann trug ich es im Büro unserer Scheidungsanwälte. Und später bei einem außergewöhnlich tollen vierten Date. Ich hatte nur sehr wenig (sprich: praktisch gar kein) Budget für Klamotten und musste lernen, zu improvisieren und mit verschiedenen Looks zu spielen. Mit der Zeit verstand ich, was für einen riesen Unterschied Accessoires machen können – sie können beispielsweise jedem noch so schlichten Basic einen verspielten oder sexy Touch geben. Oder beides gleichzeitig. Das Kleid kombiniere ich an warmen Tagen zu Sandalen und an kalten zu Boots und einer schwarzen Strumpfhose, oder noch besser: schwarzen Kniestrümpfen. Ich liebe es, ein wenig Haut zu zeigen und habe gelernt, dass das, was die Kleidung nicht bedeckt genauso wichtig ist wie das, was sie bedeckt. Das Kleid hat mir beigebracht, mich richtig zu kleiden.
Das Kleid hat die Art und Weise wie ich shoppe verändert: Ich suche jetzt nach Flexibilität und Standhaftigkeit. Natürlich habe ich auch ein paar jahreszeiten-abhängige Lieblingsklamotten, wie meinen Fischerpullover, den ich in Kanada gekauft habe, oder das kunterbunte Vintage-Strandkleid, das ich manchmal ironisch trage. Aber wenn ich an das Kleid denke, habe ich das Gefühl, endlich Mode-Know-how zu haben.
Wegen meiner Angewohnheit, in Eile shoppen zu gehen und weil die Sachen so billig waren, besitze ich ein Sammelsurium an Klamotten, von denen ich viele gar nicht mag. Deshalb habe ich trotz der vollgestopften Schubladen oft nichts zum Anziehen und stehe früh minutenlang ratlos und panisch vorm Kleiderschrank. So ist das halt, wenn du in der Ära der Fast Fashion aufgewachsen bist und lebst. Eine persönliche Capsule Collection zu haben, wäre dagegen eine bewusste Entscheidung. Eine Fertigkeit. Keine Notwendigkeit.
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Auf jede Freundin, die sagt: „Oh, du hast wieder dieses Kleid an?!“ und dabei die Augen verdreht kommt eine Person, die auf mich zu kommt und sagt: „Ich liebe dein Kleid!“ Ich bin also nicht die Einzige, die die Schönheit in ihm erkennt. Die Risse, die genäht werden müssen, die schnippischen Kommentare von Freundinnen und der verurteilende Blick meiner Schneiderin machen mir nichts aus, denn das Gefühl, das mir das Kleid gibt, ist viel bedeutsamer. Selbst in Zeiten, in denen ich komplett am Boden war und ich dachte, ich könnte mich nie wieder attraktiv fühlen, half es mir, wieder auf die Beine zu kommen.
Das Kleid ist mein Go-to, mein rot-weiß-braunes kleines Schwarzes, mein Lieblingsteil. Aber es ist nicht meine Uniform. Wenn ich an Uniformen denke, denke ich an Steve Jobs schrecklichen schwarzen Rollkragenpulli oder an Elizabeth Holmes. Beide tragen jeden Tag das gleiche Outfit, um wertvolle Zeit zu sparen. Ich verbringe allerdings gern meine Zeit damit, mir zu überlegen, was ich anziehe (wenn es nicht gerade 6 Uhr morgens ist und ich einfach noch nicht dazu in der Lage bin, Entscheidungen zu treffen). Ich muss aber auch zugeben, dass mich der Artikel “How To Save Money By Wearing One Signature Look Like a Cartoon Character“ auf Reductress nicht nur zum Lachen gebracht hat, sondern auch ein flaues Gefühl in der Magengegend auslöste. Ich habe mich damit abgefunden, dass das kurze Kleid zu meinem Markenzeichen geworden ist. Jackie O hatte ihre Sonnenbrille, Maggie Rogers ihre Schlaghosen. Ich trage das Kleid, weil es mir Freude bringt. Und wenn ich die Augen zusammenkneife und mich im Spiegel ansehe, könnte ich mir sogar einreden, ich hätte dieses Je ne sais quoi der Kochbuchautorin Mimi Thorisson, die mit ihrem Blog Manger und dem dazugehörigen Instagram-Account über die Jahre Tausende von Followern mit ihren Rezepten und ihrem Lifestyle verzaubert hat. Sie kombinierte ihre A.P.C.-Kleider oft mit Hunter-Gummistiefeln – ein Look, den ich abgöttisch liebe. Irgendwann musste ich aufhören, ihr auf Insta zu folgen, weil mich die Perfektion ihres französischen Schlosslebens einfach überforderte. Aber meine Sehnsucht nach ihrem Lifestyle bleibt.
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Ich erinnere mich noch daran, dass ich als Teenager sehr überrascht war, als ich als Austauschschülerin nach Finnland ging und einige meiner Mitschüler*innen mehrere Tage hintereinander dasselbe Outfit anhatten. Sie trugen alle Kleidungsstücke der regionalen Brand Marimekko. Sie waren das Gegenteil von den Kids an meiner amerikanischen Highschool. Da sahen alle wie ein billiger Abklatsch von Cher aus Clueless aus. Das war Teil der Absprache. Unsere elegante Französischlehrerin Madame Gilbert hat mal eine komplette Stunde damit verbracht, uns zu erklären, dass europäische Schüler*innen wenige Kleidungsstücke immer wieder tragen und einen eigenen Look entwickeln. Ich dagegen trug damals extrem viele verschiedene Outfits. Viele von ihnen mochte ich gar nicht wirklich, einige standen mir nicht. Und das geht mir jetzt im Erwachsenenalter manchmal immer noch so.
Gewinnt zwanghafter Konsum immer? Hat die kuratierte Garderobe überhaupt eine Chance? Letztere ist auf jeden Fall schwerer umzusetzen, denn du brauchst einen Sinn für Stil, Materialien und Schnitte, wenn du eine umweltfreundliche persönliche Kollektion zusammenstellen willst. Doch wegen der äußeren Umstände und des Kleides habe ich diese Skills mittlerweile endlich erworben.
Das Akronym A.P.C. steht für “Atelier de Production et de Création“. Gegründet wurde das Label vor über drei Jahrzehnten von Jean Touitou. A.P.C. wurde zunächst für seine Raw-Denim-Jeans bekannt, entwickelte sich aber schnell in ein beliebtes Modelabel für Frauen. Touitou und damit auch A.P.C. haben etwas fast schon stoisches – durch dieses Streben nach Perfektion und Zeitlosigkeit. Und auch wenn die Klamotten nicht für jede*n erschwinglich sind (ich würde keine besitzen, wenn sie nicht im Sale gewesen wären),  sind sie nicht so teuer wie anderer großer Labels. Und das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist auch super. 
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Ich wünschte, ich könnte sagen, Nachhaltigkeit wäre der Grund dafür, dass mein Instagram-Feed praktisch nur aus Bildern von meinem Kleid und mir besteht. Ich wünschte, ich könnte sagen, ich trage und repariere es, weil der Planet in Sachen Klimawandel auf einen Punkt zurast, an dem es kein Zurück mehr gibt. Weil ich nicht will, dass es auf einer Mülldeponie landet. Und weil Stil untrennbar damit verbunden ist, ein paar wenige Einzelstücke zu finden, die einen Jahrzehnte begleiten. Doch die Wahrheit ist: Es war einfach nur ein glücklicher Zufall, der mich und das Kleid zusammenbrachten. Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Das Kleid hat mir auf magische Art und Weise das Gefühl zurückgebracht, in meiner eigenen Haut zuhause zu sein. Ich hoffe, jede*r hat dieses eine Kleidungsstück, von dem er oder sie sich einfach nicht trennen kann – und eine Änderungsschneiderei, die wahre Wunder vollbringen kann.

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