Gute Nachricht für Fleischfans, Reducetarianer*in ist jetzt angesagter als Veganer*in

Foto: Sam Kaplan.
Ovo-Lacto-Vegetarier, Lacto-Vegetarier, Veganer, Fructaner oder Makrobiotiker – die Frage nach der einen, wahren Form des Vegetarismus ist dieser Tage ein echtes Politikum – eines, das in so zigfacher Ausführung zugegeben für ziemlich viel Verwirrung sorgen kann. Nur in einer Sache ist man sich hier einig: Fleisch gehört nicht auf den Speiseplan! Denn das scheint im 21. Jahrhundert unangefochten Übeltäter Nummer Eins auf den Tellern – dicht gefolgt von Milchprodukten und Gluten versteht sich. Wer nicht wenigstens auf eines dieser Dinge verzichtet, muss damit rechnnen, als „normal“ abgestempelt zu werden, als sogenannter Allesesser, der keiner Extrawurst bedarf. Aber mal ehrlich – ein bisschen aus der Reihe tanzen wollen wir doch alle, oder?
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Wer jetzt allerdings glaubt, das wäre bereits das Ende der Fahnenstange in Sachen zeitgenössischer Ernährung, der irrt! Brian Kateman hat nämlich noch einen auf Lager; einen der wohlgemerkt ein wenig mehr Flexibilität verspricht: den Reducetarianer. Abgeleitet vom englischen Wort „reduce“ scheint die Devise auf den ersten Blick recht simpel: Es ist alles erlaubt, solange es in Maßen geschieht – auch und vor allem Fleisch! Damit nimmt Kateman vielen Verfechtern der strikten No-Meat-Diet ein bisschen den Wind aus den Segeln (hofft er) und bietet leidenschaftlichen Fleischessern die Option, nicht auf tierische Produkte verzichten zu müssen – insofern sie bereit sind, ihren Konsum zu überdenken und Schritt für Schritt zu minimieren. Im Gegensatz zum Flexitarier, der sich vorwiegend vegetarisch ernährt und nur hin und wieder Fleisch und Fisch aus ökologischer Haltung gönnt, geht es hier nicht um strikte Verbote, sondern um den bewussten Umgang mit Fleisch.
Die Idee dahinter ist nicht allein auf Katemans Mist gewachsen, sondern auch seinem Freund Tyler Alterman zu verdanken. Gemeinsame gründeten sie die Reducetarian Foundation, eine Non-Profit-Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, die gemeinschaftliche Gesundheit zu verbessern, die Umwelt zu schützen und unser derzeitiges Konsumverhalten zu überdenken, um einen Wandel vollziehen zu können. Wie? Wir alle sollen ihrer Meinung nach aufhören darüber zu streiten, ob wir nun zu 100 Prozent vegan oder vegetarisch sind und mehr darüber nachdenken, wie viel Fleisch wir wirklich konsumieren (wollen) und woher wir es beziehen. Alte Muster sollen demzufolge nicht einfach nur hinterfragt, sondern der Konsum nach und nach bewusster gestaltet werden.
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Es wäre ja schon ein Anfang, wenn Fleisch wieder als Luxusgut anerkannt und ausschließlich aus nachhaltiger Produktion kommen würde

In seinem Buch The Reducetarian Solution erläutert Kateman diesen Ansatz in Form von gesammelten Essays ausführlicher, liefert Argumente, Tipps und zieht dazu viele andere Stimmen zu Rate – sachlich und mahnend, ohne dabei allerdings allzuoft den Zeigefinger zu erheben. Dafür kommt auch der Humor nicht zu kurz. Kateman selbst war lange Vegetarier, nach eigenen Worten darin aber nicht wirklich gut. Immer wieder gönnte er sich die besagten „Ausnahmen“ – an Thanksgiving oder Weihnachten beispielsweise. Und da wir in einer Gesellschaft leben, in der man stets unter Beobachtung steht, kam er damit jedes Mal schnell in Erklärungsnot. Nach dem Motto „Entweder-Oder“ fühlte er sich immer wieder hin- und hergerissen. Dabei mochte er Fleisch doch eigentlich! Fleisch essen – was bedeutet das denn nun wirklich – für ihn als Mensch, die Um- und Tierwelt? Kann es nicht auch einen Mittelweg geben oder ist wirklich nur der reine Verzicht der Schlüssel zum Erfolg? Ein neuer Ansatz und eine neue Definition mussten her und mit ihr ein eingängigerer, positiverer Begriff, der diesem Lebens- und Ernährungsstil gerecht wird. Mit „Flexitarier“ und „Semi-Vegetarier“ war Kateman jedenfalls nicht zufrieden. Es fehlte der bewusste Ansatz. Seine Mission: Den Durchschnittsbürger dazu zu bewegen, den Konsum von tierischen Produkten zu überdenken und nach und nach zu reduzieren – ohne dabei radikal in die eine oder andere Richtung zu gehen. Was war also naheliegender als „Reducetarianer“? Eine Ernährungsform ohne dogmatisch vorgeschriebenen Verzicht, bei der am Ende (fast) alles so bleiben kann wie es war?
Foto: Sam Kaplan.
Vielleicht wäre „Pragmatarianer“ auch passend gewesen? Denn ein ganz kleines bisschen klingt das, als habe Kateman sich seine eigene Komfortzone schaffen wollen, oder? Am Ende zählt dann aber, dass die gesammelten Essays von Seth Godin über Joel Fuhrman, Victoria Moran bis hin zu Jeffrey Sachs die Thematik sehr zugänglich machen und damit vielleicht dazu beitragen können, auch dem alteingesessensten Fleischesser ein neues Bewusstsein schmackhaft zu machen – es wäre ja schon ein Anfang, wenn Fleisch wieder als Luxusgut anerkannt und ausschließlich aus nachhaltiger Produktion kommen würde. Trotz der vielen Fundamentalisten in unserer Gesellschaft, ist es nämlich leider noch immer traurige Wahrheit, dass die industrielle Massentierhaltung – mal abgesehen vom Wohlergehen der Tiere und dem Umstand, dass diese mit den Werten des 21. Jahrhunderts einfach nicht mehr zu vereinen ist – de facto der größte Klimakiller überhaupt ist. Wer sich dazu fundiert informieren möchte, dem sei an der Stelle der Film „Cowspiracy“ von Kip Andersen ans Herz gelegt, den es unter anderem auf Netflix zu sehen gibt.
Auch wenn ich persönlich in Sachen Ernährung eher auf der Seite derer bin, die klar Stellung beziehen, ist Katemans Ansatz durchaus ehrbar. Mehr Verständnis füreinander zu schaffen und der Versuch, zwischen den oft unnötig rivalisierenden Lagern von Umwelt- und Tierschützern, Ernährungsexperten, Veganern und Vegetariern zu vermitteln, ist definitiv ein guter Ansatz! Manchmal gibt es vielleicht auch einfach mehrere Wahrheiten und bedarf es dieser sogar, um am Ende an das selbe Ziel zu kommen. Denn schlussendlich teilen wir (fast) alle die Meinung, dass die Welt eine bessere wäre, wenn wir weniger Fleisch essen würden – oder etwa nicht? Wenn also jeder damit anfangen würde, zuallererst vor der eigenen Haustür zu kehren, dann können wir es vielleicht schaffen, unseren Fleischkonsum nachhaltig zu reduzieren. Denn auch ein langsamer Entzug, ist schliesslich ein Entzug!

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