Warum erobern Primär- und Sekundärfarben gerade die Modewelt?

Als ich letztens durch meine Instagram-Collections scrollte, wurde mir nicht nur bewusst, wie übertrieben viele Posts ich in den letzten Wochen zum Thema “kleiner Balkon“ abgespeichert hatte, sondern auch, dass meine Fashion-Sammlung aktuell sehr von Primär- und Sekundärfarben geprägt wird.
Bei der New York Fashion Week brachten Labels wie Christopher John RogersProenza Schouler und Sies Marjan Kreationen in den kräftigen Primärfarben blau, rot und gelb auf den Laufsteg. Die Hellessy-Designerin Sylvie Millstein setzte dagegen bei ihrer Herbstkollektion auf Grün und das Designduo der Indie-Brand Eckhaus Latta auf Orange – also auf Sekundärfarben. Nicht nur auf den Runways ging es bunt zu, auch die Streetstyle-Stars zeigten sich in lauten Farbtönen.
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Foto: Victor VIRGILE/Gamma-Rapho via Getty Images
Herbst 2020 Kollektion von Marc Jacobs
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Herbst 2020 Kollektion von Christopher John Rogers
Das alles geschah im Februar 2020 und seitdem hat sich die Welt, wie wir wissen, sehr verändert. Die Pandemie wirkt sich auf viele Bereiche des Lebens aus – so auch auf die Modebranche. So musste beispielsweise das zuvor genannte Label Sies Marjan schließen und J.Crew war gezwungen, Konkurs anzumelden.
Jetzt könnte man natürlich denken, diese schwere Zeit würde sich in ebenso schweren Farben widerspiegeln – in matten, tristen und glanzlosen Tönen. Doch dem ist nicht so. Tatsächlich sind die Primär- und Sekundärfarben, die uns im Februar bei den Präsentationen der Herbst-Winter-Kollektionen begegneten, aktuell oft zu sehen – trotz oder gerade wegen Corona. Streetwear-Brands wie Aimé Leon Dore und Noah führen jetzt Shorts, Baseballcaps und Co. in den Hauptfarben des Regenbogens. Und auch New Balances neueste Kollaboration mit Aimé Leon Dores ist eine Ode an Rot, Blau, Gelb und Grün.
Der Farbtrend geht Hand in Hand mit der Wiederkehr der 90er Sportswear – ich sag nur Nylon-Anoraks, Logo-Sweatshirts und Radlerhose à la Prinzessin Diana. Die Kopenhagener Marke Martin Asbjørn hat kürzlich eine retro-inspirierte Sportbekleidungskollektion mit monochromen Sweatsuits in Rot, Blau, Lila und Grün gelauncht, die perfekt zum entspannten Homewear-Style passt, mit dem wir uns während der Selbst-Isolation angefreundet haben.
Demna Gvasalia hat Anfang des Monats für seine Resort-2021-Kollektion für Balenciaga ebenfalls rote, blaue, grüne und orangefarbene Teile vorgestellt – wobei er Blautöne ohnehin schon länger rockt. Und auch in seiner Ready-to-Wear-Kollektion für Frühjahr 2020 tauchten Rot-, Blau- und Grüntöne auf. Die dazugehörige Kampagne, die im Februar veröffentlicht wurde, war politisch und setzte auf Bilder, die von Laurence Chaperon fotografiert wurden, sowie Slogans wie “Love Is For Everyone“, “We Vote For Tomorrow“ und “Think Big“. Der Backdrop der Kampagne war blau und das Logo am oberen rechten Bildrand rot.
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Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung waren die Wahlen in den USA noch relativ weit entfernt. So langsam aber sicher rücken sie jedoch näher und gleichzeitig scheinen Primärfarben in der Mode immer mehr an Bedeutung zu gewinnen. Das kann natürlich auch Zufall sein; aber auf der anderen Seite ist es nun mal Fakt, dass Farben in der Politik eine große Rolle spielen.
Während Phasen der sozialen und politischen Instabilität, sehnen wir uns nach Sicherheit und Klarheit – und das ist etwas, das uns Primär- und Sekundärfarben bieten können.
Deshalb ist es natürlich auch kein Zufall, dass gerade der Farbton “Classic Blue“ zur Pantonefarbe des Jahres 2020 gekürt wurde. Laut  Beatrice Eiseman, Executive Director des Pantone Color Institutes, verlangt die heutige Zeit „Vertrauen und Hoffnung. Der klassische Blauton PANTONE 19-4052 Classic Blue (...) strahlt genau diese Zuversicht aus“. Die Farbpalette des Fashion Color Trend Reports von Pantone für den Herbst/Winter 2020/21 beinhaltet zudem “Ultramarine Green“, das „Selbstvertrauen und Gelassenheit ausstrahlt“, “Amberglow“, ein traditioneller Orangeton, der „Selbstbewusstsein und kreative Selbstentfaltung fördert“ und “Green Sheen“, was ein kräftiges, auffälliges Gelb ist, das für Rebellion steht und häufig von jungen Leuten auf der ganzen Welt getragen wird, die sich on- und offline für Gleichberechtigung einsetzen.
Falls sich die ganze Sache für dich wie Horoskope anfühlt – so vage und zeitlos, dass man sich einfach immer selbst darin wiederfindet –, kann ich das gut nachvollziehen. Und vielleicht handelt es sich hier wirklich einfach nur um irgendeinen weiteren Trend. Auf der anderen Seite könnte man argumentieren, dass Modetrends auch immer die Gesellschaft widerspiegeln, die sie trägt. Ich meine denk nur an die Kleidung der Hippie-Bewegung mit ihren freizügigen, luftigen Schnitten und fröhlichen, lebensbejahenden Farben. So unwahrscheinlich ist es also gar nicht, dass die aktuellen Trendfarben eine tiefere Bedeutung haben.
Trotz all dem, was wir 2020 schon erlebt haben, liegt gerade ein Gefühl von Hoffnung in der Luft. Von einem Neuanfang. Und dem laufe ich auf jeden Fall in meinen Aimé Leon Dore x New Balance 827 entgegen.

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