Was (nicht nur) deutsche Comedy braucht, ist Stand-Up von diesen drei Frauen

Mit einer Gruppe Menschen gemeinsam zu lachen macht bekanntlich glücklicher, als alleine zu lachen. Nicht umsonst sagt man, es sei ansteckend. Darum kann Comedy eine Pause vom Alltag bedeuten, sie befreit, kann aber genauso zum Nachdenken anregen, besonders wenn vorne jemand mit einer frischen, einem selbst fremden Perspektive steht und den Horizont des Publikums erweitert.
Wie beispielsweise die Perspektive einer Frau, denn weibliche Comedians machen in der Branche der Lacher, wie in vielen anderen Bereichen, immer noch nur einen kleinen Teil der Protagonist*innen aus. Das beweist leider auch Netflix neueste Serie Comedians of the World, die zwar den unterschiedlichsten Stand-Up-Comics aus der ganzen Welt die Möglichkeit gibt, ihre Messages und Witze für ein Weltpublikum aufzunehmen, jedoch eine große Gender-Schere aufweist: Von insgesamt 47 Komiker*innen sind nur 17 weiblich. So löblich die Veröffentlichung der internationalen Reihe auch ist, so schade ist es doch zu sehen, dass Deutschland als einziges Land mehr Frauen als Männer ans Mikrofon lässt. Schade, denn wie nicht nur der Erfolg der Amazon-Serie The Marvelous Mrs. Maisel beweist, gibt es einen großen Markt für Comedy aus weiblicher Perspektive. Generell setzt der Streaming-Riese Netflix aber seit vergangenem Jahr vermehrt auf die Bereitstellung von Sets namhafter, weiblicher Comics wie Ellen DeGeneres, Iliza Shlesinger, Ali Wong, Hannah Gadsby und Enissa Amani, ermöglicht aber neben etlichen weiteren Streams männlicher Comedians auch weiterhin das Anschauen von Louis C.K.s Material, der mehrfach des sexuellen Übergriffes beschuldigt und aus diesem Grund zu einem der prominentesten Protagonisten der #MeToo-Bewegung wurde.
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Sucht man bei Google nach deutschen Comics sind das die ersten Ergebnisse: Loriot, Heinz Erhard, Otto Wahlkes, Hape Kerkeling, Michael Mittermeier, Serdar Sumuncu, Stefan Raab und Mario Barth. Dann taucht irgendwann Carolin Kebekus auf – ein Lichtblick! Nach Anke Engelke, Enissa Amani, Martina Hill und Ilka Bessin spuckt die Suchmaschine aber niemanden mehr aus. Ist es wirklich so schlecht um weibliche Comedy bestellt, gibt es sie überhaupt? Natürlich, und das zur Genüge, denn sie findet eben nicht nur im Netz, sondern vor allem auf den kleinen und großen Stand-up-Bühnen in ganz Deutschland statt. Dort, wo alle Großen mal ihre Anfänge hatten, haben wir genauer hingeschaut und -gehört und mit drei weiblichen Comedians gesprochen, um sie nach ihren Erfahrungen in der Branche zu befragen. Fühlen sie sich als Frauen in der Branche akzeptiert, respektiert, benachteiligt oder vielleicht sogar bevorzugt? Wurden sie schon einmal Opfer eines sexuellen Übergriffes? Und was ist eigentlich mit political correctness: Darf Comedy wirklich alles?

Der nächster Gast in eine Gästin

Ingrid Wenzel, Maria Clara Groppler und Erika Ratcliffe trauen sich das, was für viele ein Albtraum ist: Auf einer Bühne im Scheinwerferlicht zu stehen, Geschichten erzählen und ein Publikum unterhalten zu müssen. Sie alle haben klein angefangen, teilweise mit einem schlecht eingestellten Mikro vor einer einzigen Person gestanden, oft versagt, vieles gelernt und dann doch wieder gesiegt. Sie alle kennen Situationen, in denen sie vor, nach und während der Shows die einzigen Frauen in einer Gruppe von Männer waren, deren Inhalte auf der Bühne auf ein Thema, nämlich Frauenfeindlichkeit, herunterzubrechen waren. „Man braucht ein dickes Fell, ich bestehe nur noch aus Fell“, meint Wenzel. Noch bevor ich die Frage nach ihren Erfahrungen mit Sexismus und sexuellen Übergriffen stelle, glaube ich ihre Antworten zu kennen. „Natürlich“, sagt Wenzel, „Wie jede Frau, oder?“, fragt Ratcliffe. Im Internet gäbe es allerdings häufiger sexistische Kommentare als offline, meint Groppler. Zudem würde man als Frau „schon noch sehr auf das Äußere beschränkt, aber das gilt nicht nur für die Comedy Branche“, fügt sie in ihrer Email hinzu.
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Ich erinnere mich selbst an solche Situationen, verspüre Beklemmungen und frage sie, warum sie es trotzdem immer wieder machen. „Je mehr und je unterschiedlichere Stimmen auf der Bühne gehört werden, desto besser ist es für uns Comedians, für das Publikum, für die Gesellschaft“, so Wenzel. Sie ist eine von vielen Komikerinnen, die für eine geschlechtergerechte Zukunft kämpfen. Auch Groppler findet es wichtig, dass Clubs beim Booking auf Gender-Equality achten. „Wenn eine Show nur aus Männern besteht und Themen nur aus ihrer Sicht erzählt werden, ist das sehr schade.“
You can't be what you can't see lautet ein berühmtes Zitat der US-amerikanischen Kinderrechtsaktivistin Marian Wright Edelman, das gern als Überschriften für Artikel verwendet wird (erst kürzlich in The Guardian), in denen es um die geringe Quote von Frauen in stereotyp männlichen Branchen geht. In diesem Sinne verrichten unsere drei Protagonistinnen sowie ihre zahlreichen Kolleginnen weltweit eine Art Serviceleistung, findet auch Groppler selbst: „Je mehr Frauen jetzt mit gutem Beispiel vorangehen, desto mehr Frauen werden sich auf die Bühne trauen.“ Untereinander kennt man sich, connectet on- und offline, ein Gefühl von Support verspüren alle drei. So hat Wenzel ihren Anfang auf Hamburger Bühnen gemacht und dort selbst eine LGBTQ-freundliche Comedybühne gegründet, weil eine Show dieser Art noch fehlte. Aktionismus im Business ist genauso wichtig, wie eine Vorbildfunktion innezuhalten. Heute ist sie in Berlin Teil der alternativen Comedy-Szene. „Wir haben immer mehr Frauen und Shows mit vielfältigeren Line-ups und offenem Publikum. Das wünsche ich mir deutschlandweit und im Fernsehen.“ Die Kontaktdaten ihrer Kolleginnen speichert sie in einer Excel-Liste, die sie regelmäßig aktualisiert. „Falls mich jemand nach Vorschlägen fragt“, erklärt sie. „Da stehen grade etwa 40 Frauen drauf.“ Ratcliffe zählt vier enge Kolleginnen zu ihrem Kreis, fast mehr als Google bei meiner Suche ausgespuckt hatte. Eine Liste dieser Art wird man auf den Rechnern ihrer männlichen Kollegen wohl nicht finden. Ich merke: Als Frau hat man Extraarbeit.
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Gilt das auch für die Vorbereitung der Inhalte? Müssen sie sich mehr reinhängen? Wenzel meint nein, denn „Comedy ist eine einzige Challenge. Für alle Teilnehmer*innen. Es gibt keine Routine, jeder Abend ist anders. Man lernt zum Beispiel wie man mit Zwischenrufen umgeht oder wenn niemand lacht.“ Groppler verspürte bei ihren Anfängen jedoch durchaus eine Art zurückdrängende Kraft, wie sie beschreibt: „Jede*r muss sich natürlich erst einmal beweisen, losgelöst vom Gender. Es gibt aber schon noch das Vorurteil, dass Frauen weniger lustig sind als Männer.“ Auf der anderen Seite sieht sie auch Vorteile in der Gender-Ungleichheit, denn es gibt eine hohe Nachfrage nach weiblichen Comics, „was im Umkehrschluss bedeutet, dass man gute Chancen hat, für Shows gebucht zu werden, auch wenn man gerade noch am Anfang steht. Bei den Männern gibt es hier mehr Konkurrenz.“ Und wie gehen sie mit dem sensiblen Thema der politisch korrekten Sprache um? Hat diese überhaupt etwas in der Comedy verloren? Wenzel hat dafür einen Bauplan, den sie beim Kreieren ihrer Inhalte ständig anwendet: „Je sensibler das Thema, desto besser muss der Witz sein.“ Was das im Konkreten bedeutet, erklärt sie uns gern: „ Am Beispiel von Vergewaltigungswitzen können sich Comedians drei Fragen stellen. Erstens: Ist der Witz auf Kosten der Opfer oder auf Kosten der Täter, Rape-Culture oder unseres Rechtssystems? Zweitens: Ist der Witz gut genug, um die Traumawiederholung und Reviktimisierung von Opfern sexueller Gewalt [Anm. d. Red.: also einer erneuten Traumatisierung in einem späteren Lebensabschnitt], die höchstwahrscheinlich im Publikum sitzen, zu rechtfertigen? Und Drittens: Steht auf der Bühne jemand, der oder die bloß schockieren will, oder ein Comedian, der oder die pointiert auf ein Übel hinweist, um die Welt ein Stück besser und lustiger zu machen?“ Die Einhaltung dieser Checkliste sorgt dafür, dass sowohl das Publikum als auch die anderen Involvierten am Ende eines Stand-up-Sets ohne seelischen Schmerz nach Hause gehen können. Das sollte eigentlich Standard sein – dennoch sind Witze auf Kosten anderer häufig noch gang und gäbe.
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Die verborgene Quelle des Humors ist nicht Freude, sondern Kummer

Mark Twain
Aber nochmal zurück zu Netflix: Welche Sets haben 2018 den meisten Buzz erzeugt? Über Nanette von Hannah Gadsby schrieb fast jedes News-Outlet. Ihre eigene Art von Comedy infrage zu stellen, so ehrlich über Selbstakzeptanz und Sexualität zu sprechen, hatte die Szene seit Ellen DeGeneres Coming-out nicht mehr erlebt. Gadsby hat es geschafft, die Gesellschaft mit ihren Witzen und Tränen voranzutreiben, indem sie eine Konversation über Self-Deprecating Humor, also Selbst-Herabsetzung in der Comedy gestartet hat. Sich selbst klein zu machen, die eigene Identität als Zielscheibe zu benutzen, ist eine Taktik, derer sich viele Mitglieder vermeintlicher Randgruppen bedienen. Comedy wird nicht umsonst von Psycholog*innen wie Daniela S. Hugelshofer als „Puffer vor Depressionen und Hilflosigkeit“ bezeichnet. Ein Thema mit Humor anzugehen nimmt die Ernsthaftigkeit heraus, allerdings kann ein Sachverhalt ohne Disruption eben auch nicht witzig sein. Das wusste schon Marc Twain, als er sagte: „Die verborgene Quelle des Humors ist nicht Freude, sondern Kummer.“ Kummer in Witze zu verwandeln, sich aber immer wieder den eigenen Dämonen stellen zu müssen – was für eine Aufopferung diese Menschen doch betreiben müssen.
Dies tut nicht nur Gadsby, auch andere wissen ihre scheinbaren Missstände oder unpopulären Meinungen in Comedy zu verwandeln. Chelsea Handler will keine Kinder, Enissa Amani ist iranischer Herkunft, Ellen DeGeneres war eine der ersten öffentlich homosexuellen Stand-ups und Cindy aus Marzahn spielte mit ihrer Darstellung eines vermeintlichen „Assis” vielen Klischees zu, machte damit aber, wie die anderen Beispiele, auf etwas Wichtiges aufmerksam – wir merken: Jede*r hat seinen Stick. Aber je mehr Stimmen gehört werden, desto besser wird die Welt und umso besser wird das Angebot, auch bei Comedy. Wir dürfen außerdem nie vergessen, dass die Nachfrage immer noch das Angebot bestimmt. „Man kann nicht darauf vertrauen, dass die Verantwortlichen für Strukturen und Verhaltensweisen kämpfen, dass sich Frauen dazugehörig fühlen“, meint auch Wenzel. Wer Comediennes unterstützen möchte, kann beispielsweise Content von Frauen streamen, Open-Mic-Veranstaltung besuchen, und Comediennes auf Instagram und Facebook folgen. Dann geht vielleicht auch Wenzels größter Wunsch in Erfüllung. „Ich hoffe, dass es in fünf Jahren selbstverständlich ist, 50/50 Line-ups zu buchen und wir über das Thema nicht mehr reden müssen.“
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