In der 2. Staffel von Cheerleading ist nicht alles Gold, was glänzt

Foto: bereitgestellt von Netflix
(Links nach rechts) Dillon Brandt, Lexi Brumback, La'Darius Marshall und Morgan Simianer in der zweiten Staffel von Cheerleading
Achtung: Spoiler zur zweiten Staffel von Netflix’ Cheerleading direkt voraus!
Nach nur etwa fünf Minuten nach Beginn der ersten Folge der zweiten Staffel 2 von Netflix' Cheerleading wird klar, dass sich diese Staffel sehr von der vorherigen unterscheidet. Als wir die Cheerleader:innen des Navarro Colleges aus Corsicana in Texas das letzte Mal sahen, hatten sie gerade die nationalen Meisterschaften im Cheerleading (2019, ihren 14. Titel) gewonnen, und alle waren begeistert. In der Zeit seit der Premiere im Januar 2020 hat sich aber viel verändert, sowohl in der Welt des Cheerleadings, als auch in der Welt im Allgemeinen. Wir haben zwei Jahre mit einer Pandemie hinter uns, und das Team hat gleich mit zwei großen Herausforderungen zu kämpfen: Daytona wurde nur wenige Wochen vorher abgesagt und die Mannschaft muss sich mit den Vorwürfen wegen sexuellen Fehlverhaltens von Fan-Liebling Jerry Harris auseinandersetzen. 
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„Es war ein sehr schwieriges Jahr. Wir haben eine Achterbahnfahrt hinter uns – viele großartige Gelegenheiten und viele schreckliche Zeiten“, sagt die erfolgreiche Trainerin des Teams, Monica Aldama, in der ersten Folge. „Im Moment versuche ich einfach, jeden Tag einen Fuß vor den anderen zu setzen“, sagt sie später.
Der Ton ist ganz anders als das, was die Fans aus der ersten Staffel gewöhnt sind und zu lieben gelernt haben. Cheerleading gelang es, viele Menschen, die vorher nichts mit diesem Sport am Hut hatten, in seinen Bann zu ziehen, als die Serie einem Kleinstadtteam auf dem Weg zum jährlichen Showdown in Daytona in Florida folgte. Die erste Staffel war spannend, vor allem, weil sie so neu war und weil die persönlichen Geschichten der Cheerleader:innen sowohl unter die Haut gingen, als auch fesselnd waren.
Unabhängig davon, ob du selbst einmal Cheerleader:in warst oder etwas über den Wettkampfsport wusstest – wir alle konnten uns mit den Irrungen und Wirrungen eines jungen Menschen identifizieren, der versucht, seinen Platz in der Welt zu finden. Ja, sie nahmen an Wettkämpfen teil, aber sie hatten auch mit Familiendramen, Wölfen in Schafspelzen und Problemen aus dem wirklichen Leben zu kämpfen, und das alles, während sie lebensgefährliche Stunts vollführten. Die Show ermöglichte es uns, über das hinauszublicken, was viele als frivole Choreografie ansehen würden, und die Realität des Cheerleading-Sports zu erkennen: harte Arbeit, Schweiß, Tränen und eine Menge Liebe. Am Ende haben wir nicht nur für Navarro gejubelt, sondern auch Jerry die Daumen gedrückt, dass er auf und jenseits der Matte Erfolg hat, nachdem er seine Mutter an Krebs verloren hatte, dass La'Darius seinen Frieden mit seiner Vergangenheit finden und Lexi ihr Talent entfalten kann.
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Als wir nach Corsicana zurückkehren, geht es in Cheerleading allerdings nicht mehr wirklich um den Sport selbst, zumindest nicht in dem Ausmaß, wie es in der ersten Staffel der Fall war. Sicher, es gibt immer noch einen Cheerleading-Wettbewerb, bei dem Navarro gegen das rivalisierende Trinity Valley Community College antritt, aber die eigentliche Geschichte dreht sich darum, welche Auswirkungen Ruhm mit sich bringt und um die ausbeuterische Natur, die diesen Sport ausmacht. Und das ist auch gut so. Während die erste Staffel diese Figuren und den Sport auf ein Podest stellt, holt die zweite Staffel sie wieder auf den Boden der Realität zurück. Da der Schwerpunkt nicht mehr auf dem eigentlichen Cheerleading liegt, können wir einen genauen Blick auf den Schmutz werfen, der sich hinter der Bühne verbirgt, und uns mit einigen der größeren Probleme der Sportwelt auseinandersetzen.
Die zweite Staffel war von Anfang an anders geplant. Regisseur und Produzent Greg Whiteley sagt, er habe kein anderes Ziel verfolgt, als die Geschichte des Teams zu erzählen. Aber es war unvermeidlich, dass es einige Unterschiede zur ersten Staffel geben würde, weil ja die Mannschaft selbst schließlich nicht mehr dieselbe ist. „Die erste Staffel strahlt eine Art Unschuld aus, die meiner Meinung nach davon herrührt, wie wenig wir über Cheerleading wussten. Es ging darum, diesen Sport zu entdecken und ihn mit der Welt zu teilen“, sagt er gegenüber Refinery29. „Und als wir dann zurückkamen, hatte sich das Team, das wir ursprünglich gezeigt hatten, verändert und war berühmt geworden.“
In der ersten Folge geht es vor allem darum, wie das Team in den Wochen nach der Premiere der Sendung versucht, mit dem neu gewonnenen Ruhm zurechtzukommen. Stars wie Aldama, La'Darius Marshall, Morgan Simianer und Lexi Brumback springen zwischen Presseinterviews und Auftritten zwischen und manchmal auch während des Trainings hin und her. Harris' Anfeuern seiner Teammitglieder, das einst liebenswert und motivierend war, ist jetzt eher zu einer Art Talkshow geworden. Die Doku-Serie zeigt seine Auftritte bei Ellen, The Today Show und auf der Bühne mit Oprah Winfrey, Simianer dreht TV-Spots mit Buick und Brumback verkauft Cameo-Videos für 50 Dollar pro Stück. Trainerin Aldama ihrerseits nimmt an der 29. Staffel der US-Tanzshow Dancing with the Stars teil.
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Diese Kommerzialisierung ist eine Seite des Sports, mit der Zuschauer:innen in der ersten Staffel durch das Cheerleading-Sternchen Gabi Butler vertraut geworden sind, die bereits weltberühmt war, bevor sie bei Navarro anfing. Aber zu sehen, wie die „bodenständigen, uns ähnlichen“ Persönlichkeiten, die wir lieben gelernt haben, aus ihrer Authentizität Profit schlagen, ist, als würde jemand den Vorhang einer PR-Maschine, die auf Ruhm aus ist, auf eine Art und Weise zurückziehen, die sich künstlich anfühlt. Harris' berühmte Zusprüche wirken weniger inspirierend, wenn du ihn dabei siehst, wie er Cameo-Videos für Fans filmt, während er sich eine Pediküre gönnt und dabei wie ein Papagei immer wieder dieselben Phrasen wiederholt.
Der neu erlangte Ruhm der Cheerleader:innen ist aufschlussreich, zeigt aber auch seine Tücken. Eine gehörige Portion Feindseligkeit und Eifersucht zwischen „berühmten“ und „nicht berühmten“ Mitgliedern des 40-köpfigen Teams ist zu spüren. Auch Aldama muss sich mit einer Menge Hass im Internet, der gegen sie gerichtet ist, auseinandersetzen. Zuschauer:innen beschuldigen die Trainerin, verletzte Athlet:innen an ihre Grenzen zu treiben. Aber die Show zeigt auch ein Team, das nicht mehr zu den Underdogs gehört und dessen Aufmerksamkeit nicht mehr nur auf Daytona gerichtet ist, wodurch es etwas schwieriger ist, mit ihm mitzufiebern. In Verbindung mit der Tatsache, dass die Dreharbeiten zur neuen Staffel vor der Pandemie und vor dem Bekanntwerden der Anschuldigungen gegen Harris begannen, wissen wir, dass Schlimmes bevorsteht. Mit diesem Hintergrund erscheint der Ausraster von Neuzugang Maddy Brum, die an einem bestimmten Stunt doch nicht teilnehmen darf, ein wenig belanglos.
Was ist dieses Jahr ebenfalls anders im Team? Harris, der in den ersten paar Episoden der Staffel sporadisch zu sehen ist, verschwindet später ganz. Aber auch wenn er nicht mehr im Bild ist, bleibt sein wirkliches Leben im Mittelpunkt.
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Im September 2020 wurde Harris verhaftet und aufgrund mehrerer Fälle von Kinderpornografie angeklagt, nachdem zwei minderjährige Jungen behauptet hatten, der Sportler hätte sie um Bilder eindeutig sexuellen Charakters gebeten. Im Dezember dieses Jahres kamen weitere dazu. Harris plädierte in allen Anklagepunkten auf „nicht schuldig“. „[Harris] war ein sehr wichtiger Teil des Teams und seine Abwesenheit wirkte sich stark auf die täglichen Aktivitäten der Mannschaft aus. Es wäre unmöglich gewesen, die Geschichte von Navarro zu erzählen, ohne die Anschuldigungen gegen Jerry Harris irgendwie zu erwähnen“, sagt Whiteley. Harris' Geschichte ist kein Einzelfall in diesem Sport. Im vergangenen Februar wurde ein anderes ehemaliges Mitglied des Navarro-Cheerleading-Teams wegen sexuellen Fehlverhaltens gegenüber Minderjährigen angeklagt. Etwa zur gleichen Zeit wurden einem 25-jährigen Cheerleading-Coach und Choreografen in Virginia ähnliche Vergehen zur Last gelegt.
Anhand der Anschuldigungen gegen Harris und unglaublich erschütternder Interviews mit zwei seiner Ankläger:innen veranschaulicht die Doku-Serie, wie das Machtgefälle und die Dynamik zwischen Trainer:innen oder Mentor:innen und jungen Sportler:innen ausgenutzt werden können. Außerdem zeigt die Show, dass junge Menschen in diesem Sport nicht immer sicher sind, da das System, das sie schützen soll, fehlerhaft ist. Die Tatsache, dass die Mutter der zwei Harris-Ankläger bei der U.S. All Star Federation (einer Organisation, deren Ziel es ist, die Sicherheit aller Athlet:innen zu gewährleisten) mehrfach über den Missbrauch berichtet hatte, bevor etwas unternommen wurde, ist erschreckend, aber leider nicht überraschend.
Die Folge, die Jerry gewidmet ist, zeigt zwar, dass das Umfeld im Cheerleading Missbrauch erleichtern und in gewisser Weise normalisieren kann, aber sie präsentiert nur wenige Lösungen, wie genau die Sportwelt und Verantwortliche etwas dagegen tun können. Cheerleading löst keine dieser Probleme – wie könnte es das auch in einer einzigen Staffel? Die Serie regt aber zumindest zum Nachdenken an.
Harris' ehemalige Mannschaftskameradin Butler spricht über ihre Schwierigkeiten damit, die beiden Versionen ihres guten Freundes miteinander zu versöhnen: den fröhlichen Schatz und den mutmaßlichen Missbrauchstäter. Sie betrauert diesen Verlust so, als sei Harris gestorben. Und in vielerlei Hinsicht gilt das auch für die zweite Staffel von Cheerleading. Das Team, das wir einst kannten, ist nicht mehr dasselbe, und damit auch die Doku-Serie. Die magische Ernsthaftigkeit, die in der ersten Staffel eingefangen wurde, lässt sich nicht nachmachen, und die zweite Staffel zu beginnen und das Gleiche zu erwarten, würde sowohl uns als auch der Serie als Ganzes einen schlechten Dienst erweisen. Sicher, am Ende der zweiten Staffel gewinnt eine Mannschaft und eine andere verliert. Aber die eigentliche Geschichte, und darum geht es in der zweiten Staffel, ist das, was abseits der Bühne passiert und Gespräche in Gang setzt, die hoffentlich weit über die nächste Meisterschaft hinaus Auswirkungen auf die Sportwelt haben werden.
Wenn du selbst betroffen bist oder jemanden kennst, die oder der Opfer sexueller Gewalt ist, kannst du dich beispielsweise unter der Nummer 08000 116 016 oder per Online-Beratung an das Hilfetelefon wenden – ein vertrauliches, kostenfreies 24-Stunden-Beratungsangebot, das anonyme, mehrsprachige und barrierefreie Unterstützung bietet.

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