Meine Eltern, die Snapchat-Profis

ILLUSTRATION ANNA SUDIT.
Das Piepen meines Handys meldet den Empfang eines Snaps, also eines jener bewegten Bildchens, deren Versand vor allem bei Jugendlichen derzeit schwer angesagt ist. Als ich die App öffne, streckt mir die Frau mit mittellangen, blonden Haaren auf dem Foto gerade ihre Comic-Zunge raus. Besonders gut stehen ihr dabei die langen Hunde-Ohren, die ihr rechts und links vom Kopf abstehen. „Guten Morgen”, steht in orangefarbenen Buchstaben am unteren Rand des Fotos, das zusätzlich noch von einem Emojicon geziert wird – dem schnarchenden, mit den drei kleinen z. Ich bin voller Bewunderung! Hier sind ganz eindeutig alle Snapchat-Register gezogen worden, hier war ein Profi am Werk, der nichts dem Zufall überlassen hat. Hier wusste jemand ganz genau, was er tat. Oder besser: Was sie tat. Denn die Frau auf dem Foto ist meine 67-jährige Mutter.

Als ich ihr Snapchat gezeigt habe, dachte ich, dass sie damit sowieso nicht klarkommt. „In ihrem Alter”. Aber weit gefehlt. Meine Mama, längst iPhone-Profi und Whattsapp-Gruppen-Ersteller, fuchste sich innerhalb von Minuten in die App, mit der nicht mal ich auf Anhieb klar kam. Damit nicht genug: „Warum bekommt Mama das, und ich nicht?”, echauffierte sich mein Vater, der auch nicht nennenswert jünger ist als meine Frau Mutter. Folglich schicken beide mir, ihrer 31-jährigen Tochter, seit rund vier Wochen also fröhlich Snaps. Während Papa sich für ungeliebte Familienfotos sonst meist aus dem Bild stiehlt, setzt er sich plötzlich mit Freuden virtuelle Hüte auf, lässt sich im Panzerknackerhemd hinter Gitter bringen und reißt die Augenbrauen in die Höhe, um als Wildwest-Cowboy mit den Pistolen zu fuchteln. Ich finde das großartig! Gleichzeitig bewundere ich meine Mama, die sich mit Ende 60 noch an die digitale Welt herantraut, während viele ihrer gleichaltrigen Freundinnen mit dem “neumodischen Kram” lieber nichts mehr zu tun haben wollen. Der Grund: viel zu kompliziert.
ILLUSTRATED BY ABBIE WINTERS.


Tatsächlich ist die Zielgruppe der App-Macher vor allem jünger angesiedelt, die App unübersichtlich und aufgrund der nur kurz einsehbaren Bilder auf Vergänglichkeit ausgelegt. Wie viele ihrer Nutzer in der Altersgruppe jenseits der 50 Jahre zu finden sind, verriet das Snapchat-Presseteam auf Anfrage nicht. Aber auch ohne eine Auskunft wird jedem, der die App öffnet, schnell klar, dass die etwas abenteuerliche Bedienung durchaus ein Grund sein mag, dass sich potentielle ältere Nutzer schnell abschrecken lassen. Doch nicht so meine Mama!

Denn die ist nicht nur auf Snapchat groß dabei, sondern auch sonst voll in der digitalen Welt angekommen. Während also im Nachbarhaus noch die vergilbten Kochbücher aus dem Schrank gekramt werden, hat meine Mutter längst die Chefkoch-Seite für sich entdeckt und den Buchständer aus Plexiglas kurzerhand zur iPad-Halterung umfunktioniert. Während Teig geknetet, Gemüse geschnitten und in Töpfen gerührt wird, hat das iPad als moderner Rezeptefundus längst seinen Stammplatz neben dem Herd gefunden. Und so praktisch! Das Ding ist abwaschbar. Da darf auch gerne mal die Tomatensuppe spritzen.

Früher waren meine Eltern übrigens noch lange nicht so digital am Start. Meinen ersten Gameboy bekam ich erst lange, nachdem meine Freunde Super Mario schon dreimal durchgespielt hatten, und die charakteristische Tetris-Melodie konnte außer mir wohl jeder mitsummen. Als zum ersten Mal eine Fernsehwerbung lief, in der die URL des Werbenden angegeben war, schimpften meine Eltern über das “neumodische Internet”, das sich bestimmt nicht durchsetzen würde. Wenn ich heute darüber nachdenke, was bei den beiden den Wandel herbeigeführt hat, so war es wohl mein erster Computer - seineszeichens ein Amiga 400 - auf dem Papa erst in heller Begeisterung Lemminge versenkte und anschließend Monkey Island durchspielte. Irgendwann tauschte Mama dann ihre elektrische Schreibmaschine gegen meinen PC, um die jährliche Steuererklärung fertig zu machen. Es waren kleine Schritte. Und nun schaut sie euch an!

Habe ich mich bereits an den Anblick meiner Diamond-Crush-spielenden Mutter gewöhnt, war ich jüngst auch schwer beeindruckt, als mir eröffnet wurde, dass meine Eltern die Tageszeitung abbestellt haben. Stattdessen sitzen sie nun allmorgendlich kaffeeschlürfend in trauter Zweisamkeit auf der Couch und lesen die Nachrichten des Tages digital. Ein bisschen Spiegel Online, ein bisschen Süddeutsche Zeitung, ein bisschen Ostseekurier - Politik und Weltgeschehen mischen sich mit den neusten Aufregern aus der Gemeinde. „Und so vielseitig”, freut sich meine Mutter. “Man bekommt nicht immer nur eine einzelne Meinung zu einem Thema zu lesen.” Recht hat sie.

Meine Meinung zu der Digitalisierung meines Elternhauses ist übrigens eindeutig: Wenn Papa seinen Laptop holt um mir zu zeigen, wie der Garten neu gestaltet werden soll und mir die Bilder vom Abend mit den Freunden präsentiert, dann freue ich mich, dass beide im Herzen und im Kopf so jung geblieben sind. Nur daran, dass Papa mir am Ende die Seite über seine neusten Gartenwerkzeuge ausdruckt, statt sie mir auf dem Bildschirm zu zeigen, lässt sich erahnen, dass Papa und Mama doch noch ein ganz kleines bisschen oldschool geblieben sind.
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