4 Frauen erzählen, wie es nach ihrer spontanen Kündigung weiterging

illustrated by Richard Chance.
Es ist überraschend einfach, in einem Job zu bleiben, den du nicht magst. Sicherheit, regelmäßiges Gehalt und Vorhersehbarkeit können die oft nagenden Gefühle der Unruhe, die du vielleicht hast, leicht übertünchen.
Gerade Millennials sind hierzulande unzufrieden mit ihrem Job: Laut des Deloitte Millennial Surveys aus dem Jahr 2016 wollen 34 Prozent in den nächsten zwei Jahren ihren Job wechseln. Die jungen Arbeitnehmer*innen von heute suchen im Job zunehmend nach nicht-monetären Anreizen wie einer guten Unternehmenskultur, Work-Life-Balance und der Möglichkeit, Homeoffice zu machen.

Die Realität weicht jedoch oft von diesem Idealbild ab: Schlechtes Management, eine ungesunde Büroatmosphäre oder mangelnde Vielfalt und Integration scheinen an der Tagesordnung zu sein. Trotzdem sind es nicht immer nur die anderen und es gibt sicherlich Möglichkeiten, dir deine Aufgabe selbst interessanter zu gestalten oder mit deinem Boss zu reden, wenn dich etwas massiv stört.
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Aber manchmal ist der Bogen bereits überspannt: Erschöpfung, Unzufriedenheit und Stress nagen so sehr an manchen Arbeitnehmer*innen, dass sie keine andere Möglichkeit sehen, als auf der Stelle zu kündigen. Dem voran geht meist der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, also irgendeine Situation oder ein Gespräch, das all den Frust der vergangenen Monate – oder sogar Jahre – zum Explodieren bringt.
Zunächst mag es unglaublich befreiend sein, im Affekt zu kündigen. Die Frage, die sich nach so einem spontanen Gefühlsausbruch jedoch stellt, ist: Und wie geht es jetzt eigentlich weiter? Wenn kein neuer Job in Sicht ist, kann aus dem Befreiungsschlag schnell ein ziemlich großes Problem werden.
Wir haben mit Frauen gesprochen, die diesen Schritt trotzdem gewagt haben. Was hat sie in diese Situation gebracht und wie ging es danach für sie weiter?
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Vor Wut zitternd setzte ich mich vor meinen Computer. Mein einziger Gedanke war, dass ich sofort alles hinschmeißen wollte.

2012 arbeitete ich für einen Fernsehsender, der dafür bekannt war, seine Mitarbeiter*innen reihenweise zu überlasten. Die Rezession hatte dazu geführt, dass die Redaktionen überall gekürzt wurden, und unsere bildete da keine Ausnahme. Wir waren unterbesetzt, die Erwartungen waren unangemessen hoch und von der Unternehmensleitung kam nichts als scharfe Kritik.

Schon vor meiner tatsächlichen Kündigung hatte ich einige Monate zuvor versucht, zu kündigen. Meine Kündigungsfrist betrug nur zwei Wochen und meine Chefin flehte mich damals an, zu bleiben. Sie versprach, sich zu ändern und gab mir sogar einige Tage frei, um wiedergutzumachen, was in den Wochen davor falsch gelaufen war. Ich sagte zu, fing jedoch zeitgleich an, mich nach neuen Jobs umzusehen, weil mir bewusst war, dass der versprochene Wandel nicht kommen würde.

Als ich nach meinem Urlaub zurückkam, hielt es niemand aus der Geschäftsleitung für nötig, mit mir zu sprechen. Normalerweise hatten wir jeden Tag um zwei Uhr eine Redaktionskonferenz. An diesem Tag zog jedoch ein Sturmtief über uns hinweg, und alle waren damit beschäftigt, darüber zu berichten. Weder bekam ich an diesem Tag Feedback, noch half mir einer meiner Vorgesetzten dabei, die 22-Uhr-Show zu produzieren. Ich hatte nur einen einzelnen Reporter zur Verfügung und sollte den Rest alleine regeln.

Als ich mich um 18 Uhr mit meiner Nachrichtendirektorin traf, um meine Sendung zu besprechen, kritisierte und beschimpfte sie mich und machte meine Arbeit schlecht, weil die Sendung, die ich – ohne Hilfe und mit sehr wenigen Mitteln – zusammengestellt hatte, für sie nicht gut genug war. Obwohl ich vor Wut fast überkochte, atmete ich tief durch und ging zurück an meinen Schreibtisch, um mich zu sammeln.

Vor Wut zitternd setzte ich mich vor meinen Computer. Mein einziger Gedanke war, dass ich sofort alles hinschmeißen wollte. Um mich zu beruhigen, zählte ich von 100 runter bis 1, aber danach ging es mir immer noch genauso. Also packte ich die wenigen persönlichen Gegenstände auf meinem Schreibtisch, meinen Mantel und meine Handtasche und marschierte ins Büro meiner Chefin. Ich sagte ihr, dass ich jetzt gehen und nicht wieder zurückkommen würde.

Sie bat mich, reinzukommen und mich hinzusetzen, um zu reden, aber ich hatte nichts mehr zu besprechen. Dann erinnerte sie mich an die Wettbewerbsverbotsklausel in meinem Vertrag, und ich sagte ihr, die sei kein Problem, da ich eh nie wieder fürs Fernsehen arbeiten würde. Dann ging ich.

Ich hatte ein kleines Sicherheitsnetz, weil ich gerade bei meinem Freund eingezogen war und eine Steuerrückerstattung bekommen hatte. Aber ich hatte nicht wirklich Ersparnisse, auf die ich hätte zurückgreifen können. Glücklicherweise bekam ich schon am nächsten Tag einen Anruf zum Vorstellungsgespräch für einen Job, für den ich mich einen Monat zuvor beworben hatte. Ich bekam den Job, wurde schnell befördert und verdoppelte mein Gehalt innerhalb von fünf Jahren.

Insgesamt habe ich gelernt, dass ich es nicht verdiene, wie Scheiße behandelt zu werden. Ich bin es wert, dass andere um mich kämpfen. Die Entscheidung zu gehen, war eine der besten, die ich je getroffen habe.

- Kelly, 39, arbeitet heute in der Öffentlichkeitsarbeit.
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Ich sprach mit einer Vorgesetzten und sagte ihr, dass der Job nichts für mich sei. Einen Tag später ging ich zur Personalabteilung und danach war die Sache durch.

Nach meiner Ausbildung als Krankenschwester wurde ich in meinem Traumkrankenhaus eingestellt. Ich war am Anfang so aufgeregt, weil ich dachte, dass ich jetzt alles hätte, wovon ich immer geträumt habe. Aber als „Die Neue“ hatte ich das Gefühl, von nichts eine Ahnung zu haben. Dazu kam, dass ich in der Pädiatrie eingesetzt wurde. Es brach mir das Herz, mich um kranke Kinder zu kümmern, vor allem weil ich wusste, dass ich nichts mehr für sie tun konnte.

Nach den ersten drei Monaten hatte ich meine Probezeit fast abgeschlossen. Doch mir wurde etwa zeitgleich bewusst, dass ich nicht glücklich war. Ich hatte Schlafstörungen und aß nicht. Ich hatte viel abgenommen und fühlte mich einfach elend. Nach einer Schicht sprach ich mit einer Vorgesetzten und sagte ihr, dass der Job nichts für mich sei. Einen Tag später ging ich zur Personalabteilung und danach war die Sache durch.

Ich hatte keinen Backup-Plan und musste auch noch Kredite abbezahlen. Schnell schlittere ich in eine Depression. Ich erkannte, dass ich mich jetzt erstmal um mich selbst kümmern musste. Das erste Mal in meinem Leben suchte ich mir psychologische Unterstützung. Meine Familie half mir außerdem dabei, wieder gesund zu werden. Während dieser Zeit beschloss ich auch, nicht wieder in die Krankenpflege zurückzukehren. Fünf Monate nach meiner Kündigung fing ich an, im Einzelhandel zu arbeiten. Obwohl ich weniger als die Hälfte von dem verdiente, was ich als Krankenschwester bekommen hätte, musste ich wenigstens ein bisschen Geld verdienen. Zwei Monate, nachdem ich diesen Einzelhandelsjob begonnen hatte, fing ich dann aber doch wieder als Krankenschwester an. Diesmal allerdings in einer Langzeitpflegeeinrichtung.

Ich habe dort drei Monate lang gearbeitet, aber ich hatte jeden Tag Angst, hinzugehen. Weil wir konstant unterbesetzt waren, wurde von mir erwartet, jeden Tag 16 Stunden zu arbeiten. Auch hier fühlte ich mich unwohl und meinen Kolleg*innen ging es ähnlich. Eine andere Krankenschwester vertraute mir an, dass sie jeden Abend nach der Arbeit noch Bewerbungen schrieb.

Eines Tages hatte ich genug. Ich setzte eine Kündigung auf, legte sie in den Briefkasten meines Vorgesetzten und ging nie wieder dorthin. Jetzt arbeite ich seit über zwei Jahren in einer Ambulanz und hier gefällt es mir sehr gut. Außerdem gehe ich wieder zur Uni, um meinen Master zu machen. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, dass es in Ordnung ist, Risiken einzugehen.

Hätte ich nicht gekündigt, würde ich immer noch unzufrieden in meinem alten Job kleben und hätte einige psychische Probleme, dich ich schon länger mit mir rumschleppe, wahrscheinlich nie angesprochen. An manchen Tagen habe ich keine Lust zu arbeiten, weil ich nicht aus meinem bequemen, warmen Bett aufstehen will. Aber sobald ich hier in meinem Büro bin, fühlt sich alles richtig an.

— Katie, 26, ist Masterstudentin und arbeitetet als Krankenschwester.
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Ich hatte das Gefühl, an hundert verschiedenen Ecken und Enden gebraucht zu werden und war geistig und körperlich erschöpft.

Ich arbeitete seit etwa sieben Jahren als Hausverwalterin für eine Privatfamilie. An sich fühlte ich mich wohl, aber die vielen Überstunden und das Reisen wurden zu lang und mühsam. Außerdem gab es keine Anzeichen für Verbesserung. Einen Monat, bevor ich kündigte, kam mein Vater ins Krankenhaus und ihm wurde eine sehr lange Genesungszeit prophezeit. Darüber hinaus war ich gerade in den Anfängen einer neuen Beziehung. Kurzum: Ich hatte das Gefühl, an hundert verschiedenen Ecken und Enden gebraucht zu werden und war geistig und körperlich erschöpft.

Nachdem ich ein Projekt viel früher als geplant abgeschlossen hatte, bat mich mein Chef sofort, ein neues langfristiges Projekt zu beginnen. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ich verfasste meine Kündigung. Zwar versuchten meine Arbeitgeber noch, alles zu tun, um mich davon zu überzeugen, zu bleiben. Aber ich wusste, dass es Zeit war, diesen Job zu beenden.

Das Problem war nur, dass ich keinen Plan B hatte. Mein Vater sagte mir sofort, dass ich gerade einen riesigen Fehler mache. Wenn wir über die Zeit damals sprechen, sagt er noch heute, wie leichtsinnig ich war, mit 30 einfach meinen Job hinzuschmeißen. Ich hatte damals einiges an Geld zurückgelegt und verwendete all meine Ersparnisse darauf, zwei Monate lang nach Costa Rica zu reisen.

Da ich während der Reise auf einmal ohne Geld dastand, begann ich, von Costa Rica aus nach Freelance-Jobs zu schauen. Als ich zurückkam, befand ich mich trotzdem vor einem riesigen Schuldenberg und wusste nicht, was der nächste Schritt sein sollte. Obwohl ich auf dem Papier nicht arbeitslos war, machte ich einen Job, mit dem ich nicht annährend meine Ausgaben decken konnte. Schließlich wechselte ich ins Gastgewerbe, wo ich immer noch arbeite.

Was ich gelernt habe, ist, dass es sich zwar erstmal toll anhört, jede Menge Geld zu verdienen, dass aber oft auf Kosten deiner Gesundheit geht. Außerdem habe ich gelernt, dass man Ersparnisse haben sollte, wenn man seinen Job kündigen will. Je mehr Geld du zur Verfügung hast, desto einfacher ist es, einen Job spontan zu verlassen.

— Kristen, 31, arbeitet im Immobilienmanagement.
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Ich betete, dass es besser werden würde. In der Zwischenzeit fuhr ich schwarz und aß Instantsuppe. Dennoch habe ich es nicht bereut, meinen Job gekündigt zu haben.

Als Eiskunstlauftrainerin fühlte ich mich überarbeitet und müde. Ich war in bestimmte Elemente meines Jobs fast schon verliebt, aber ich wusste, dass er meine psychische Gesundheit negativ beeinflusst. Ich ging immer erst spät nachts nach Hause und träumte von meiner Arbeit. Manchmal brach ich auch zusammen und weinte.

Ich hatte meine Kündigung fertig in meinem Google Drive gespeichert und wartete nur auf die richtige Gelegenheit. Am Abend, bevor ich ihn abschicken wollte, rief ich meine Mutter an, um ihr meine Pläne mitzuteilen. Ich hatte keine Ersparnisse, also war es für mich wichtig zu wissen, dass ich, wenn es hart auf hart kommen würde, irgendwo unterkommen könnte. Am nächsten Tag druckte ich den Brief aus und ging damit direkt zur Personalabteilung. Ich erklärte, dass ich bereit für etwas Neues sei und das war's dann.

Da ich keinen Plan B hatte, hatte ich einen ziemlich miesen Sommer, den ich mit einem Praktikum verbrachte, bei dem nur der Mindestlohn gezahlt wurde. Ich hatte für nichts genug Geld und war mit meiner Miete zwei Monate im Rückstand. Ich kann von Glück reden, dass mein Vermieter mich nicht vor die Tür gesetzt hat. Ich betete einfach, dass die Dinge besser werden würden. In der Zwischenzeit fuhr ich schwarz und aß Instantsuppe. Dennoch habe ich es nicht bereut, meinen Job gekündigt zu haben.

Ich wusste, dass ich den Glauben nicht verlieren durfte und es hat sich ausgezahlt. Mittlerweile habe ich an drei Künstlerresistenzprogrammen teilgenommen, um meinem Traum näherzukommen. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, immer meinem Bauchgefühl zu folgen. Wenn sich eine Situation nicht richtig anfühlt, muss man manchmal einfach gehen.

— LaTasha, 26, ist Künstlerin.
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