Was ist Dermatillomanie & wie kannst du damit aufhören?

Foto: Ana Larruy.
Dass mein Skin Picking vielleicht doch nicht nur eine schlechte Angewohnheit, sondern ein richtiges Problem ist, realisierte ich erst, als ich eines Tages auf dem Heimweg von einer komplett fremden Frau angehalten und gefragt wurde: „Alles okay bei dir?“. Sie zeigte auf meinen Mund und sagte besorgt: „Du blutest ja!“
Ohne es zu realisieren hatte ich die komplette Hautschicht von meiner unteren Lippe abgezupft, während ich an den Gleisen entlanglief. Als ich mein Spiegelbild im Vorbeigehen in einem Schaufenster erblickte, wurde mir bewusst, dass ich wie ein Boxer nach einem krassen Kampf aussah.
Das war nicht das erste Mal, dass mir so etwas in der Art passiert ist. Ich zupfe ständig an meiner Lippe – so lange, bis das Lächeln wehtut. Ich kaue die Haut um meine Nägel so lange ab, bis ich kaum mehr noch eine Whatsapp schreiben kann, weil meine Finger schmerzen. Ich drücke und kratze an eingewachsenen Haaren, Pickeln und rauer Haut an meinen Armen und Beinen, bis teilweise sogar sehr tiefe Narben entstehen. Ich weiß, wie schlimm das klingt, aber ich kann einfach nicht aufhören. Denn ich habe Dermatillomanie.
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Was ist Dermatillomanie

Dermatillomanie wird den Impulskontroll- oder Zwangsspektrumsstörungen zugeordnet und betrifft etwa zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung. Die Betroffenen zupfen, kratzen oder quetschen ihre eigene Haut, was zu blutigen, schmerzvollen Verletzungen führen kann. Manch verwenden sogar Pinzetten, Scheren, Nadeln oder Messer, um kleine Hautfetzen zu entfernen. Das klingt zwar sehr schmerzhaft, doch die sogenannten Skin Picker spüren währenddessen nichts, weil sie wie in Trance sind.
„Viele von uns kratzen sich ab und zu, besonders, wenn sie Pickel haben oder eine Hautkrankheit wie ein Ekzem oder Schuppen“, sagt die Londoner Consultant Dermatologin Dr. Justine Kluk. „Doch bei Menschen mit Dermatillomanie bleibt es nicht beim kurzen Jucken. Sie können einfach nicht mehr aufhören. Oftmals manipulieren sie unterbewusst an ihrer Haut und zwar häufig, wenn sie müde oder gelangweilt sind – beim Fernsehen zum Beispiel“, so Dr. Kluk.
Die Körperstellen, an denen besonders oft gezupft oder gekratzt wird, sind laut Dr. Kluk die, die einfach zu erreichen sind – wie die Hände, die Arme, das Gesicht oder die Beine. Manche Menschen gehen aber auch an die Ohren oder die Kopfhaut, was häufig zu Narben und Entzündungen führen kann. Meist wählen Skin Picker die Stellen, die rau oder erhöht sind. Dazu zählen Pickel, die Nagelhaut und trockene, rissige Lippen. Und manche benutzen statt ihrer Finger ihre Zähne zum Zupfen, so Dr. Kluk.

Welche Personen sind am häufigsten von Dermatillomanie betroffen?

Laut Dr. Kluk können die Symptome in jedem Alter auftreten, oft beginnt es jedoch in der Jugend – typischerweise mit der Pubertät. Interessanterweise scheinen von der Störung vor allem Frauen betroffen zu sein und die Hauptauslöser sind Stress und Ängste. Leider bekommen laut Dr. Kluk weniger als ein Fünftel der Betroffenen die Hilfe, die sie bräuchten. Das liegt häufig auch daran, dass sie sich zu sehr schämen oder denken, die Störung wäre unbehandelbar und sie müssten einfach damit leben. Mir ging es ehrlich gesagt genauso. Mein Problem schien mir im Vergleich zu denen von anderen Menschen so trivial, weshalb ich lange gar nicht auf die Idee gekommen wäre, mich in ärztliche Behandlung zu begeben oder eine Therapie zu machen. Genau wie vielen meiner Leidensgenoss*innen war mir nicht klar, wie kräftezehrend und belastend mein Verhalten wirklich sein kann. Einmal bin ich nicht zu einer Hochzeit gegangen, auf die ich eingeladen wurde, weil ich so sehr an einem Pickel herumgedrückt hatte, dass die Stelle richtig offen war und gar nicht mehr aufhörte, zu nässen. Vor einer Weile war ich auf einem Date und meine Lippe platzte mitten beim Lächeln auf, weil ich den ganzen Tag aus Nervosität daran gekratzt hatte. Seitdem war ich nie wieder auf einem Date.
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„Dermatillomanie kann ernsthaften emotionalen Kummer und Funktionsbeeinträchtigungen mit sich bringen. Deshalb sollte sie nicht unterschätzt werden“, warnt Dr. Kluk. „Manche Menschen verbringen Stunden damit, ihre Narben unter Make-up zu verstecken und kommen dadurch zu spät zur Arbeit oder sagen Verabredungen ab. Das kann soweit gehen, dass sie nicht mehr in der Lage sind, intime Beziehungen zu führen. In diesen Fällen würde ich dringend empfehlen, sich professionelle Hilfe zu suchen.

Tipps zum Umgang mit Dermatillomanie

Überdenke deine Hautpflegeroutine
Wie Dr. Kluk gesagt hat, kratzen und zupfen viele an den Stellen, die rau oder schuppig sind. Deswegen ist es vielleicht gar keine so schlechte Idee, deine Haut besser und gezielter zu pflegen, damit sie gar nicht erst solche Stellen aufweist. Jetzt kommt es natürlich darauf an, wo deine Haut besonders viel Liebe braucht. Bei mir sind es zum Beispiel die Lippen. Ich verwende zum Beispiel gern Abnomaly Petrowhat? Baobab (7 €). Das enthält Aminosäuren, versorgt die Haut an den Lippen und Fingerspitzen mit Feuchtigkeit und hilft ihr, besser zu verheilen. Ansonsten kann ich auch die CeraVe Feuchtigkeitslotion (9,67 €) empfehlen, das die Hautschutzbarriere stärkt und die Haut wieder weich macht. Meine dritte Produktempfehlung lautet AMELIORATETransforming Body Lotion (27 €) , das sogar bei eingewachsenen Haaren oder Keratosis Pilaris helfen kann. Abgesehen von diesen Cremes und Lotionen solltest du zur Reinigung regelmäßig Peelings durchführen.
Versuch’s mit einer Reflexzonenmassage
Von Rotweintherapie bis hin zu Sound Baths habe ich alles probiert, um mein Stresslevel zu senken, aber nichts war so effektiv wie eine Reflexzonenmassage. Die Therapeutin übte Druck auf bestimmte Punkte auf meinen Füßen aus, um das Gleichgewicht verschiedener Körperstellen wiederherzustellen und für Entspannung zu sorgen. Und ich war begeistert vom Ergebnis! Normalerweise fällt es mir schwer, irgendwo anders als in meinem eigenen Bett zu schlafen, aber dort bin ich direkt ins Land der Träume gereist. Nach der ersten Behandlung bin ich praktisch nach Hause geflogen, so leicht fühlte ich mich. Außerdem lies mein Skin Picking deutlich nach und das hielt auch wenigstens ein paar Tage an
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Belohn’ dich
Wenn ich es schaffen, meine Lippen ein paar Tage in Ruhe zu lassen, belohne ich mich mit einem Lippenstift. Knabber’ ich eine Weile nicht an meiner Nagelhaut, gönn ich mir eine Maniküre. Für mich ist das eine einfache, aber effektive Methode.
Kognitive Verhaltenstherapie
Wie bereits angedeutet, kann es in manchen Fällen hilfreich sein, eine Therapie zu machen. „Oft wird dann mit einem Habit Reversal Training (HRT) gearbeitet, bei der du lernst, eine bessere Selbstwahrnehmung zu haben und unterbewusst antrainierte Verhaltensweisen abzulegen, sowie Stress und Ängste zu reduzieren. Zusätzlich kann es hilfreich sein, eine Dermatologin oder einen Dermatologen zu konsultieren, um nicht nur deine seelische, sondern auch deine körperliche Gesundheit im Blick zu behalten. Sie oder er kann dir gegebenenfalls Cremes oder Seren verschreiben oder dir Tipps geben, wie die Wunden schnell wieder ab- und verheilen“, erklärt Dr. Kluk. Auch David Brudö, CEO und Mitgründer der App Remente denkt, kognitive Verhaltenstherapien (KVT) sind eine gute Möglichkeit, die Zwänge in den Griff zu bekommen. „Skin Picking wird oft missverstanden oder nicht ernst genommen“, so Brudö. „Dabei ist es ein Symptom, das zu einem zwanghaften Verhalten führen kann, was eine ernste Sache ist. KVT kann dir dabei helfen, gesund zu werden – besonders, wenn Ängste oder eine Depression die Ursache für dein Verhalten sind.“
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