Diese Regeln haben meinen Partner von einer offenen Beziehung überzeugt

Eine Freundin von mir machte vor einiger Zeit eine sehr unangenehme Erfahrung. Während sie übers Wochenende verreist war, hatte ihr neuer Freund in einem Stripclub einen Lapdance bekommen. Für sie eine klare Grenzüberschreitung, das ging gar nicht. Die Sache war nur: Aus der Sicht ihres Freundes war ein Besuch im Stripclub kein Regelverstoß, deswegen machte er auch kein Geheimnis daraus. Er verstand nicht, wo das Problem liegen sollte und war überrascht von ihrer heftigen Reaktion. Von außen betrachtet liegt die Sache auf der Hand. Die beiden haben offensichtlich noch nicht darüber gesprochen, welche Regeln jeder von ihnen für sich persönlich in einer monogamen Beziehung aufstellt und wo ihre Grenzen liegen. Dieses Beispiel meiner Freundin verdeutlicht, dass wir selbst, wenn wir denken, das Konzept Monogamie sei ziemlich klar definiert, feststellen müssen, dass das für jeden etwas anderes bedeuten kann. Fremdgehen fängt für viele nicht erst beim Sex an.
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Und auch ich kenne dieses Problem. Als jemand, der schon sowohl monogame wie auch offene Beziehungen geführt hat, weiß ich, dass es Menschen in der Regel schwerfällt, festzulegen, wo die Grenzen für sie ganz persönlich liegen. Vielleicht liegt es daran, dass Monogamie in unserer Kultur als die Norm gilt. Doch allzu häufig verlassen wir uns darauf, dass das Bild, das andere von einer idealen Beziehung zeichnen, auch das ist, was unseren Wünschen entspricht. Das mag zum Teil an romantischen Hollywoodfilmen liegen und auch an unseren (fehlenden) Beziehungsvorbildern. Fakt ist jedoch, dass nur den wenigsten von uns beigebracht wurde, unsere Grenzen in einer Partnerschaft zu verhandeln und für unsere Bedürfnisse einzustehen.
Es ist ganz normal, dass es in Beziehungen zu Schwierigkeiten und auch mal zu Streit kommt. Ich finde aber, dass es unglaublich wichtig ist, besonders in den Dingen, in denen ihr euch nicht einig seid, darauf zu achten, wo für dich ganz persönlich die Trennlinie zwischen dem verläuft, was du akzeptieren kannst und was nicht. Das wird deine Beziehung stärker machen, als wenn du dich ewig nach äußeren Stereotypen und dem, was angeblich „normal“ ist, richtest, und selber dabei kreuzunglücklich fühlst. Dafür musst du natürlich wissen, was du willst und das auch kommunizieren. Genauso solltest du deinem Partner den Raum geben, seine Bedürfnisse zu formulieren. Nur so könnt ihr lernen, miteinander richtig umzugehen.
Die Frage Monogame oder offene Beziehung? ist nicht mit A oder B zu beantworten, die Grenzen sind fließend. Wie deine Einstellung zu dem Thema ist, kann auch von der Situation abhängen. Vielleicht findest du es okay, wenn die oder der andere sich auf Reisen in einem anderen Land mit anderen Sexpartner*innen für eine einmalige Sache trifft. Würden sie oder er das hingegen in der Stadt tun, in der ihr gemeinsam lebt, wäre es ein No-Go. Es gibt auch Menschen, die zwischen romantischer und sexueller Intimität unterscheiden. Du siehst, es gibt ein ganzes Spektrum von Situationen und Möglichkeiten, die weit mehr beinhalten als „Mein*e Partner*in hat Sex mit einer anderen Person.“
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Die Grenzen sind fließend: Die Frage „Monogame oder offene Beziehung?“ ist nicht einfach mit A oder B zu beantworten.

Beispielsweise leben mein Freund und ich zusammen, aber ich verreise wesentlich häufiger als er. Ich persönlich habe mich in meinen Wünschen immer irgendwo zwischen Monogamie und offener Beziehung gefühlt, mein Freund hingegen neigt zu Monogamie. Obwohl ich als Sexualpädagogin arbeite, fühlte ich mich in meiner eigenen Beziehung zunächst unsicher, meine Wünsche offen anzusprechen. Ich hatte Angst, meine nicht-monogamen Bedürfnisse anzusprechen, weil ich kein „Drama“ verursachen wollte. Gleichzeitig wusste ich aber, dass ich ihm keine gute Partnerin sein würde, wenn ich diese Gefühle nicht zu einem bestimmten Punkt auslebte. Wir haben sehr viel darüber gesprochen und er hat verständnisvoll reagiert.
Bis ich soweit war, meine sexuellen Wünsche ernstzunehmen und einzufordern und dabei die Gefühle meines Partners einzubeziehen, war es ein langer Weg. Ich habe vor allem aus den Fehlern früherer Beziehungen gelernt. Denn bevor ich meinen jetzigen Freund getroffen habe, habe ich mich in meinen Partnerschaften immer schuldig gefühlt und mein Verlangen unterdrückt. Nur um meine Ex-Partner nicht zu verletzen habe ich mich damals auf monogame Beziehungen eingelassen und mich dann wahnsinnig weit weg von ihnen gefühlt. Egal wie groß die Liebe und Anziehungskraft zwischen zwei Menschen ist, beide müssen bereit sein zu kommunzieren und aufeinander zu zugehen.
Ich kann mich an die vielen Gespräche, die wir zu diesem Thema geführt haben, schon gar nicht mehr einzeln erinnern. Aber ich erinnere mich durchaus an einige Momente, in denen wir Durchbrüche hatten. Beispielsweise damals, als ich das erste Mal, nachdem wir uns kennengelernt hatten, auf eine längere Reise ging. Mir wurde bewusst, dass ich während dieser Zeit nicht auf physische Intimität verzichten wollte. Es ging mir überhaupt nicht um sexuelle Stimulation, aber so etwas wie Tanzen, Kuscheln und Knutschen. Ich werde nie vergessen, wie nervös ich war, als ich meinem Freund davon erzählte. Wir einigten uns auf einige Regeln, mit denen wir uns beide wohlfühlten:
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· Keine Intimitäten mit Leuten aus unserem Bundesland.
· BDSM (ohne Austausch von Flüssigkeiten) ist okay und braucht keine weitere Erlaubnis.
· Spielereien mit Frauen und Menschen, die sich der Zweigeschlechterordnung entziehen („Non-binäres Geschlecht“) sind cool.
Auch der Sex mit anderen Cis-Männern ist nicht komplett vom Tisch. Darüber müssen wir uns einfach im Einzelfall abstimmen. Klar mögen verschiedene Regeln verschiedene Geschlechter betreffend unfair erscheinen, aber dieser Doppelstandard ist einfach das, womit wir beide uns am wohlsten fühlen.
Nachdem wir die Dinge festgelegt hatten, die für uns gingen und nicht gingen, kamen mir allerdings noch mehr Fragen. Will er, dass ich ihm davon erzähle, wenn es passiert? Darf ich das immer machen, oder nur auf Reisen? Was, wenn jemand aus einem anderen Bundesland in unserer Stadt zu Besuch ist? Sind Ex-Liebhaber grundsätzlich tabu? Wir besprachen alle diese Einzelheiten. Danach fühlte ich mich allein schon wegen der Offenheit unseres Gespräches ein bisschen verwegen, aber gleichzeitig auch unglaublich verbunden mit meinem Partner und bestens vorbereiten auf meine Reise.
Nachdem wir unsere Beziehungsgrenzen ausgehandelt hatten, war ich wahnsinnig erleichtert. Jetzt konnte ich meine eigenen Bedürfnisse innerhalb unserer Partnerschaft erfüllen, ohne ihn anlügen oder täuschen zu müssen. Klar bedeutete das nicht, dass unsere Gefühle sich uns nicht in den Weg stellen könnten. Gefühle können immer aufkommen oder sich verändern. Aber immerhin hatte ich jetzt einen Plan.

Eine offene Beziehung ist nicht besser oder die weiterentwickelte Form einer monogamen Beziehung. Und einfacher ist sie auch nicht.

Wahrscheinlich wird sich diese Art von Gespräch für dich zunächst genauso seltsam anfühlen wie für mich. All deine sexuellen Bedürfnisse und Wünsche offenzulegen und gleichzeitig auch die deines Gegenübers anzuhören, ist weder bequem noch wohlig. Aber es ist notwendig, um euch gegenseitig zu verstehen. Mögliche Szenarien durchzuspielen kann euch dabei helfen, eure Grenzen deutlich zu machen. Aber ihr solltet nicht zu viel Zeit damit verbringen, über Dinge zu sinnieren, die noch nicht eingetroffen sind (und vielleicht nie eintreffen werden). Außerdem solltest du dir darüber bewusst sein, dass es sich hierbei um einen Prozess handelt. Das Thema wird nicht mit einem einzigen Gespräch vom Tisch sein, sondern wird euch eure gesamte Beziehung lang begleiten.
Ich sage nicht, dass eine offene Beziehung besser oder die weiterentwickelte Form einer monogamen Beziehung ist. Und einfacher ist sie auch nicht. In allen Partnerschaften gibt es Spannungen. Aber falls du dich nach einer nicht-monogamen Beziehung sehnst, lohnt es sich, die Gespräche, unangenehmen Situationen und die Eifersucht in Kauf zu nehmen. Wenn wir es schaffen, über die Stolpersteine in unseren Partnerschaften zu sprechen und sie als etwas natürliches wahrzunehmen, kommen wir wesentlich besser miteinander zurecht. Eine Beziehung, in der gesprochen wird, ist lebendiger, intimer und glücklicher als eine, in der die Probleme und Wünsche ignoriert werden. Totschweigen funktioniert nämlich nie.
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