Mein Ex-Freund erzieht meine Tochter, dabei ist er nicht ihr Vater

Photographed by Eylul Aslan
„Sag Didin Hallo“, sage ich zu meiner 16 Monate alten Tochter Maia. „Hallo“ sagt sie, und zwar auf die typische Papageien-Art, wie nur Kleinkinder sie haben können. Sie ist sichtlich verwirrt von meinem Handy vor ihrem Gesicht.
Wir sprechen via FaceTime mit meinem besten Freund David – von Maia als „Didin“ bezeichnet – der seit Ende November durch Südamerika reist.
Bis er seine Reise antrat, war David ein fester Bestandteil in Maias Alltag. Er lebte bei uns und meine Tochter hang sehr an ihm. Während ich arbeitete, passte er auf sie auf und kümmerte sich auch mal über Nacht um sie, damit ich Schlaf nachholen konnte. Neben Maias geliebtem Großvater kommt er einer Vaterfigur am nächsten. Die meisten Leute werden sich nun sicher wundern, wieso ein männlicher bester Freund sich so aufopfernd um meine Tochter kümmert. Die Frage, ob wir nicht doch ein Paar sind, können sich viele zum Glück verkneifen. Und ich müsste sie eh verneinen, unsere Beziehung ist vollkommen platonisch. Das war jedoch nicht immer so: Vier Jahre lang waren wir ein Paar. Und es waren die Folgen unserer Trennung, die zu meiner Schwangerschaft mit Maia führten.
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David und ich lernten uns kennen, als wir 17 Jahre alt waren. Wir wurden von gemeinsamen Freunden verkuppelt und er wurde schnell zum sicheren Hafen in meiner chaotischen Teenie-Welt. Wir haben uns von Anfang an alles erzählt – das ist bis heute so – und wir haben viel zusammen durchgemacht: mein Abitur und sein Studium, unser gemeinsames Kunstdiplom, die Krankheit und den Tod meines Opas, die neue Ehe seines Vaters, die Krankheit und den Tod von Tom, meinem Stiefvater. Wir reisten nach Bali und Sri Lanka und lebten den größten Teil unserer Beziehung zusammen.
Er unterstützte mich emotional bei all meinen unbezahlten Jobs während des Studiums und kochte mir auch dann noch Abendessen, wenn ich erst um Mitternacht nach Hause kam, weil mein Praktikum bei der Fashion Week superanstrengend war. Auch all meinen Nörgeleien hörte er anstandslos zu. Aber während wir zusammen erwachsen wurden, verloren wir Stück für Stück die romantischen Gefühle füreinander. Bevor wir uns versahen, waren wir kein Liebespaar mehr, sondern nur noch beste Freunde. Wir stritten wie Geschwister und egal wie sehr wir es versuchten: Der Funke, der romantische Beziehungen entfacht und, was noch wichtiger ist, sie am Laufen hält, war komplett verschwunden.
Ich war 21, als wir nach fast vier Jahren Beziehung (drei davon hatten wir zusammengelebt) beschlossen, uns zu trennen. Niemand spricht darüber, wie verzweifelt und verletzt du nach einer Trennung bist, selbst wenn sie freundschaftlich verläuft. Obwohl ich die Trennung habe kommen sehen, war der Schock, meinen Alltag nun nicht mehr mit David zu teilen, so groß, dass ich unmöglich darauf vorbereitet hätte sein können. Wir sind beide unterschiedlich damit umgegangen. David zog aus und fing an, sehr viel auszugehen – er war bei seinem besten Freund untergekommen.
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Ich lebte das erste Mal in meinem Leben allein und die Einsamkeit war zu viel für mich. Also installierte ich Tinder und ließ zwei gute Freundinnen bei mir einziehen. Wir hatten eine tolle Zeit zusammen, aber trotzdem hatte ich immer noch jede Menge Trennungsschmerz. Nicht besonders stabil, traf ich nicht immer die nötigen Vorsichtsmaßnahmen und eh ich mich versah, war ich, nur vier Monate nach unserer Trennung, schwanger.

Obwohl ich die Trennung habe kommen sehen, war der Schock, meinen Alltag nun nicht mehr mit David zu teilen, so groß, dass ich unmöglich darauf vorbereitet hätte sein können.

Einen Tag, nachdem ich herausgefunden hatte, dass ich schwanger war, traf ich David auf einen Drink. Es war eines der ersten Male, dass ich ihn nach seinem Auszug sah, und wir beide gewöhnten uns immer noch daran, nur Freunde zu sein. Ich war den ganzen Abend lang total aufgewühlt und er merkte, dass etwas los war. Ich hatte jedoch noch nicht die Kraft, ihm zu sagen, was es war. Einen Monat später trafen wir uns wieder, und ich beschloss, dieses Mal nicht zu kneifen. Zitternd erklärte ich, ich hätte ihm etwas zu sagen.
„Du hast einen neuen Freund?“, fragte er.
„Nein, das nicht.“
„Oh mein Gott. Du bist schwanger.“
Er hielt seine Hände vor den Mund und ich wartete darauf, dass er lospoltern würde, um mir zu sagen, ich länger hätte warten und vorsichtiger sein sollen.
Stattdessen fragte er nur, wie es mir ginge. „Wenn es für dich in Ordnung ist, würde ich das Baby gerne kennenlernen, wenn es da ist“, sagte er. Das schockierte mich noch mehr als die Tatsache, dass er meine Schwangerschaft auf wundersame Weise in zwei Fragen erraten hatte. Siebeneinhalb Monate später saß David auf meinem Sofa, hielt eine zwei Wochen alte Maia im Arm und sah dabei gleichzeitig verängstigt und völlig verliebt aus.
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Die Geburt verlief ziemlich traumatisch und es dauerte drei Monate, bis alles richtig verheilt war. Gepaart mit dem Fakt, dass ich extreme Schwierigkeiten hatte, zu Stillen und ständig mit einer Milchpumpe unterwegs war, brauchte ich in den ersten Wochen viel Unterstützung. Meine Eltern, meine ältere Schwester und Freund*innen waren alle maßgeblich daran beteiligt, mein Leben in dieser Zeit zusammenzuhalten. David war der unvorhergesehene Retter. Er sah, wie sehr ich mit der Mutterrolle kämpfte und kam mir immer wieder zu Hilfe. Schon bevor er eingezogen war, blieb er regelmäßig über Nacht und kümmerte sich um Maia, damit ich Schlaf nachholen konnte. Dabei war er selbst den ganzen Tag auf der Arbeit gewesen und erschöpft.
Sechs Wochen, nachdem er das erste Mal über Nacht geblieben war, zog er bei meiner Mutter, Maia und mir ein. Das hatte nicht nur altruistische Gründe: Er hatte vor, immer wieder auf längere Reisen zu gehen, und dazwischen immer wieder etwas zu mieten oder zwischenzuvermieten wäre einfach anstrengend gewesen. Meine Mutter und ich waren mehr als glücklich, unsere Wohnung mit ihm zu teilen, denn er hatte sich als Teil der Familie erwiesen. Von Januar bis November war David, mit Ausnahme von etwa zwei Reisemonaten, bei uns zu Hause und half mit. Er nahm Maia weiterhin in der Nacht zu sich, ging tagsüber mit ihr spazieren, damit ich Arbeit erledigen konnte, spielte mit ihr, während ich duschte, und – was am wichtigsten war – baute eine feste Beziehung zu meiner Tochter auf, die es offensichtlich toll fand, Zeit mit ihm zu verbringen.
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Wenn wir zusammen zum Einkaufen oder Mittagessen gingen, gab David mir immer wieder kleine Atempausen, die für mich von unschätzbarem Wert waren. Wir haben schon oft darüber gesprochen, wie die Leute glauben müssen, dass er Maias Vater ist. Ich muss zugeben, mir hat das schon öfter geholfen. Als alleinerziehende Mutter wirst du oft angestarrt, wenn du mit deinem Kind unterwegs bist. Ich erhielt deutlich weniger Aufmerksamkeit, wenn ich zusammen mit David mit meiner Tochter in der Öffentlichkeit war, als wenn es nur meine Tochter und ich waren. Das Stigma um die alleinige Elternschaft kann manchmal lähmend sein, insbesondere, wenn man die plötzliche Erkenntnis hat, dass man die einzige Person ist, die Verantwortung für dieses Kind hat.
Ich habe gerade keinen Mann in meinem Leben. Zwar habe ich einige Gespräche mit interessanten Männern geführt, aber ich denke, meine Freundschaft mit David schreckte viele von ihnen ab. Ich möchte ihn und seine Bedeutung für mich und Maia von Anfang an offen erwähnen, denn ich möchte mit niemandem zusammenkommen, der Davids Platz in Frage stellt. Der Idealfall wäre natürlich, dass David und mein zukünftiger Partner eine Freundschaft zueinander aufbauen würden, aber vielleicht ist das auch ein bisschen viel verlangt. Alles, was ich aktuell weiß und was ich von David gelernt habe, ist: Manchmal können die schönsten und überraschendsten Beziehungen aus den bizarrsten Szenarien entstehen. Man muss ihnen nur Raum geben, zu wachsen.
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