Netflix’ Pray Away: Wie Konversionstherapie queere Leben zerstört

Foto: bereitgestellt von Netflix.
Ungestört vom Nieselregen spricht ein freundlicher junger Mann im schwarzen T-Shirt mit weißem „Love“-Print die Fremden an, die vor einem amerikanischen Shoppingcenter demonstrieren. Ob sie gerne mit ihm beten würden, fragt er? Er ist Jeffrey McCall, der Gründer einer Bewegung namens „Freedom March“, und das ist die erste Szene der Netflix-Dokumentation Pray Away von Kristine Stolakis.
Auf den ersten Blick könnte man McCall und die Mitglieder seiner Gruppe für eine offene, millennialfreundliche christliche Bewegung halten; ihre Facebookseite zieren Regenbögen und antirassistisch angehauchte Sprüche. Die Wahrheit ist allerdings finsterer. Freedom March ist eine moderne Ausprägung der „Konversionstherapie“, die zu Beginn der Dokumentation als „Versuch einer religiösen Führungsperson, Selbsthilfegruppe oder eines:einer Berater:in“ definiert wird, „die sexuelle Orientierung oder Gender-Identität einer Person zu ändern“. 
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Schon lange vor ihrer Dokumentation wurde Stolakis selbst zur Zeugin dieser sogenannten Therapie. Während ihrer Jugend in New York stand sie einem Onkel nahe, der sich schon in seiner Kindheit als trans geoutet hatte und in den 60ern und 70ern einer Konversionstherapie unterzogen wurde – „zu einer Zeit, als jede:r Therapeut:in Konversionstherapien durchfürchte“, erklärt sie in einem Videocall aus ihrem Zuhause in New York. „Das führte zu einer extrem schlechten geistigen Gesundheit.“
Stolakis’ Onkel verstarb, kurz bevor sie in der Filmschule zu studieren anfing. Als sie mit ihrer Mutter dessen Haus ausräumte, fand sie eine ganze Menge Material einer Pro-Konversions-Organisation – der Beweis dafür, dass ihr Onkel selbst bis ins Erwachsenenalter von der Konversionsbewegung beeinflusst worden war. „Als ich auf diese Broschüren stieß, war ich sehr wütend, und ich war mir sicher: Ich musste einen Film über diese Bewegung drehen, die sein Leben ruiniert hatte“, sagt sie.
Pray Away ist genau dieser Film. Darin dokumentieren Stolakis und ihr Team die Konversionsbewegung, indem sie die Geschichten einiger deren bekanntesten Ex-Leiter:innen sowie von Überlebenden erzählen – Männer und Frauen, die die Vorstellung verbreiteten, eine spezifische Form des Christentums erlaube es ihren Anhänger:innen, ihre LGBTQ-Identitäten abzulegen und cisgender sowie heterosexuell zu werden. Der Titel des Films ist eine Anspielung auf den Spruch „pray away the gay“ (z. Dt.: „das Queere wegbeten“ – „gay“ bezieht sich hier nicht nur auf Homosexualität), ein plakativer Slogan, der die von der Bewegung verursachten Leiden und Schäden verharmlost.
„[Konversionstherapie] gehörte zur Mainstream-Kultur, als ich klein war“, erinnert sich Stolakis, „und das ist Teil der Macht und des Problems der persönlichen Erfahrungsberichte, die [die Bewegung] verbreitete – mit denen sie behauptete, diese Veränderung sei möglich. Diese Storys sind überzeugend. Obwohl sie sehr irreführend sind, sind sie doch überzeugend.“ Die Doku ist durchzogen von Archivaufnahmen von Menschen, die behaupten, ihre Sexualität sei „konvertiert“ worden, dicht gefolgt von Nahaufnahmen der gutgläubigen Mienen des Publikums. Diese Videos wurden damals bewusst so inszeniert. „Genau da fängt das an“, meint Stolakis zu diesen Szenen. „In solchen Aufnahmen wird dieser Glaube normalisiert.“
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In einem Clip aus der Phil Donahue Show ist ein „ehemals schwules“ Paar bei einer Debatte zu sehen. In einem anderen nickt die Moderatorin einer Talkshow, während der „ehemals schwule“ John Paulk von seinem angeblichen Konversionsweg erzählt (der einige Jahre später abrupt endete, als er in einer Schwulenbar gesehen wurde). „Diese Leute wurden so dargestellt, als hätten sie es ‚auf die andere Seite geschafft‘“, sagt Stolakis, „obwohl es ja in Wahrheit keine zwei Seiten gibt. Konversionstherapie ist nicht nur ineffektiv, sondern sogar extrem schädlich, und das ist ein Fakt.“
Der Film zeigt, dass auch viele Anhänger:innen der Bewegung das irgendwann einsahen. „Der Großteil der Konversionstherapie-Organisationen wird tatsächlich von LGBTQ-Menschen geführt, die behaupten, sich ‚geändert‘ zu haben“, erklärt Stolakis. Sie war überrascht davon, wie viel Mitgefühl sie während der Dokumentation für diese Leute entwickelte. „Ich hatte mich darauf eingestellt, wütend zu werden“, sagt Stolakis über den Beginn ihrer Dreharbeiten. „So viele Menschen haben aber gute Absichten; wir leben in einer Welt, in der leidende Leute anderen Leuten Leid zufügen.“ Sie ergänzt aber auch, dass sie im Film „darauf achteten, nie darüber hinwegzusehen, dass diese Bewegung trotz guter Absichten viel Schmerz verursacht“.
Und dieser Schmerz zog sich bis an die Spitze durch. Für viele der Leiter:innen wurde es immer schwieriger und irgendwann unmöglich, die Fassade aufrechtzuerhalten; mehrere ehemals einflussreiche Konversionsorganisationen gingen unter, als ihre Leitung zugab, selbst nicht wirklich an die Konversion zu glauben. Viele Ehemalige bemühen sich seitdem darum, der LGBTQ-Community und denen zu helfen, denen sie damals schadeten. In der Dokumentation ist so zum Beispiel auch Paulk zu sehen, der inzwischen glücklich mit seinem Partner zusammenlebt. Viele Ehemalige haben bis heute ein starkes Pflichtgefühl. Randy Thomas zum Beispiel – ehemals Sprecher und Lobbyist für Exodus International, die fast vier Jahrzehnte lang Konversionstherapien durchführten – ist heute selbsternannter LGBTQ-Verfechter. Zum Ende der Doku gesteht er, von Schuldgefühlen geplagt zu sein. „Eine queere Person sagte mir sehr offen und direkt, ich hätte Blut an den Händen“, erzählt er, scheinbar den Tränen nahe. „Ich antwortete, dass ich genau deswegen Angst davor hätte, mir meine Hände genauer anzusehen.“
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„In vieler Hinsicht fußt diese Bewegung auf verinnerlichter Trans- und Homophobie, die nach außen getragen wird“, erklärt Stolakis – und solange Trans- und Homophobie existieren, wird es auch Menschen geben, die an die Konversion glauben und sich dafür einsetzen, wie Freedom March zum Beispiel. McCall identifiziert sich selbst als ehemalige trans Frau (der Film zeigt ihn dabei, wie er von seiner Detransition berichtet). Es ist eine der großen Stärken von Pray Away, dass Stolakis verschiedene Facetten der Identitäten ihrer Protagonist:innen beleuchten kann; und in Jeffrey erkennt sie gute Absichten, sagt sie. „Jeffrey erklärte sich schnell dazu bereit, in meinem Film aufzutreten“, erzählt sie. „Wir machten ihm ganz ehrlich klar, dass es darin auch kritische Stimmen geben würde… wir versprachen ihm aber auch, ihm keine Worte in den Mund zu legen. Ich bin davon überzeugt, dass er glaubt, Leuten zu helfen.“
Dieser Glaube macht es aber nicht wahr. Durch den Release von Pray Away auf Netflix hofft Stolakis, ein großes Publikum zu erreichen – selbst jene, die noch immer an die Konversion glauben. „Ich hoffe wirklich, dass auch Anhänger:innen der Bewegung zusehen“, sagt sie, „und in Betracht ziehen, zumindest zu hinterfragen, ob sie trotz bester Absichten vielleicht doch viel Schaden zufügen.“
Pray Away ist auf Netflix verfügbar.

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